Affidamento im Dialekt

Viviana Scarinci analysiert in ihrem Essay „Neapolitanische Puppen” Hauptthemen im Werk von Elena Ferrante und spürt dabei einer Autorin nach, die sich uns „nur“ literarisch zeigt. 

Als im Sommer 2016 der erste Band der Neapolitanischen Saga „Meine geniale Freundin“ der Autorin Elena Ferrante von Suhrkamp veröffentlicht wurde, begann quasi sofort ein unaufhaltsamer Siegeszug der Reihe. Unter dem Hashtag #FerranteFever versammeln begeisterte Leser*innen auf sämtlichen Social-Media-Kanälen ihre Leseeindrücke und vor allem, in den meisten Fällen, ihre Begeisterung. (Unseren Podcast dazu findet ihr hier)

Viviana Scarinci spürt diesem Phänomen nun in ihrem Essayheftchen „Neapolitanische Puppen: Ein Essay über die Welt von Elena Ferrante“ nach. Dieses ist gerade in deutscher Übersetzung von Ingrid Ickler im Launenweber Verlag erschienen.

Scarinci zieht darin Parallelen zwischen den verschiedenen Romanen Ferrantes, darunter nicht nur die Neapolitanische Saga, sondern auch die Romane „Eine lästige Liebe“, „Die Tage des Verlassenwerdens“, „Die Frau im Dunkeln“ und das illustrierte Kinderbuch „Der Strand bei Nacht“ sowie das puzzlehafte Memoir „La Frantumaglia“, welche teilweise dieses und nächstes Jahr in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erscheinen werden.

Anhand bestimmender Motive hangelt sich Scarinci zwischen den verschiedenen Texten hin und her, analysiert Gemeinsamkeit und deutet die Motive. Besonders interessant ist zum Beispiel das Motiv der Puppe – finden wir sie doch in der Neapolitanischen Saga, als geliebtes Spielzeug, das im dunklen Schlund des Kellerlochs verschwindet und nach über sechzig Jahren wieder auftaucht, oder als die Bezeichnung für ein ungeborenes Kind, das Lila als feindliche Puppe empfindet und später auch verliert. Das Kinderbuch „Der nächtliche Strand“ handelt ebenfalls von einer Puppe, die am Strand verloren geht (und ja, auch der nächtliche Strand scheint somit etwas Bedrohliches zu sein – wir erinnern uns an Donato Sarratore und Elena). Auch im Roman „Die Frau im Dunkeln“ stellt die Puppe ein essentielles Motiv dar. Scarinci deutet den Verlust der Puppe und die Suche nach dieser als Befragung und Definition der eigenen Identität, die man annimmt, abstößt oder auch verliert.

Die Identitätssuche wird auch deutlich in weiteren Themenblöcken der Romane – die Flucht aus Neapel und die Rückkehr, Frauenfiguren, die Verlassen werden und ihr restliches Leben als poverella verbringen, das Verschwinden /sich Auflösen, ein weibliches Wissen, das sich aus der Gewalterfahrung speist sowie der Bezug zur Mutter.

Die „poverella“ versinkt in einer Art Wahnsinn, denn die verlassene Frau verliert ihre gesellschaftliche Rolle, bleibt vom Leben isoliert zurück und erkennt sich am Ende selbst nicht mehr. Die Isolation resultiert in diesem Fall vor allem daraus, dass das weibliche Rollenbild eine Frau ohne Mann nicht vorsieht.

Diesen Bezug verortet Scarinci klugerweise im feministischen Diskurs des Italiens der 80er Jahre. Italienische Feministinnen um Luisa Muraro verbalisierten das Prinzip des Affidamento – der Rückbezug auf die biologische Mutter und die symbolischen Mütter. Erst aus der Anerkennung der Mutter könne Freiheit entstehen. Interessanterweise wird Elena Greco nach dem Tod ihrer Mutter, das von ihr so verhasste Hinken ihrer Mutter übernehmen und beibehalten.

Scarinci bezieht, vor allem aus „La Frantumaglia“ interessante Bezüge zu literarischen Einflüssen der Autorin. Der Erzählband „Il Mare non bagna Napoli“ (1953) von Anna Maria Ortese (in der deutschen Übersetzung aus den 50er Jahren nur noch, ähnlich wie die Ferrante-Romane, bevor Suhrkamp sich die Neuübersetzungsrechte gesichert hat, sehr teuer antiquarisch zu erhalten – kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, Suhrkamp!) beispielsweise, bietet entscheidende Parallelen zur Beschreibung des Stadtbilds Neapels. Die Erzählung „Die Brille“ handelt von einem kurzsichtigen Mädchen, das in eben jenem Viertel und der gleichen Zeit aufwächst wie unsere Heldinnen Lila und Lenú. Nachdem es eine Brille geschenkt bekommt und ihre Umgebung plötzlich klar erkennen kann, überkommt sie körperliches Unwohlsein.

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Kunstwerk der Künstler*innengruppe Bianco-Valente im Museum MADRE in Neapel. Über den Dächern Neapels kann man den Schriftzug lesen, der sich auf Orteses Werk bezieht. Auf deutsch etwa: Das Meer wäscht Neapel nicht.

Es sind noch viele weitere Aspekte die Scarincis Essay enorm spannend und lehrreich machen. Schade ist natürlich, dass uns (die, die wir kein italienisch sprechen) Scarinci weit voraus ist, was die Lektüre der Ferrante-Romane betrifft. Einige Aspekte und Details werden dadurch schwerer nachvollziehbar. Dennoch bietet „Neapolitanische Puppen“ eine wahnsinnig interessante Lektüre, die definitiv noch mehr Lust und Vorfreude auf die folgenden Übersetzungen der Ferrante-Romane macht, wovon letztendlich auch Suhrkamp profitieren wird.

Ein Hochgenuss für alle Romanist*innen, FerranteFeverer und Freund*innen der guten Literatur. Das kleine Büchlein des Launenweber-Verlags kann getrost in jedes gut sortierte (oder geniereich-chaotische) Bücherregal aufgenommen werden!

 

Zum Buch:
Viviana Scarinci: Neapolitanische Puppen: Ein Essay über die Welt von Elena Ferrante
Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler, Launenweber Verlag
Gebunden mit Leseband, 160 Seiten, 20 Euro

Wir danken Launenweber für das Rezensionsexemplar!

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