Das Dream-Team Buttes-Chaumont

Im zweiten Band der Trilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ erhebt Schriftstellerin Virginie Despentes Protagonist Vernon zum obdachlosen Messias.

Vernon, Antiheld der Romantrilogie der Französin Virginie Despentes, ist zum Schluss des ersten Bandes ganz unten angekommen. Seine Facebookfreundesliste mit Übernachtungsmöglichkeiten hat sich erschöpft. Vernon lebt auf der Straße.

An diesem Punkt setzt Band 2 ein. Vernon ist nur noch ein Häufchen Elend. Durch den Regen und die Kälte wäre er fast krepiert – nur Charles, der Hobbyalki, der ihm Orangen und andere Nahrungsmittel gebracht hat, hat ihn aufgepeppelt.

Despentes führt in diesem Band Vernons neue Welt und seine neuen Freund*innen ein. Da ist Laurent – wir kennen ihn schon aus Band eins. Ein freundlicher Obdachloser mit dem Hang Frauen nachzustellen. Olga, die verrückte Berberin der Truppe. Naja und da wäre eben noch Charles. Er ist eigentlich nicht obdachlos, er säuft nur gerne im Park.

Aber auch die Figuren des ersten Bandes sind nicht verschwunden. Sie suchen Vernon. Protagonist*innen wie Emilie, Menschenhasser Xavier, Aïsha und Pornostar Pamela Kant, etc. Sie haben sich zusammengeschlossen, um Vernon zu suchen. Aus schlechtem Gewissen, Vernon vor die Tür gesetzt zu haben. Aus Rachsucht, weil er geklaut hat. Aus Mitgefühl. Oder aber, immer noch, auf der Suche nach den Tapes des verstorbenen Sängers Alex Bleach.

Diese hat sich die Hyäne, Shitstorm-Initiatorin von Berufswegen, aber schon unter den Nagel gerissen. Nachdem der Suchtrupp Vernon endlich gefunden hat, führt die Hyäne der Gruppe die Tapes vor. Zu sehen ist ein Monolog von Alex Bleach neben dem schlafenden Vernon, der sich mit zu viel Koks ausgeknockt hat. Auf vielen Seiten erfahren die Leser*innen die ganzen Elendigkeiten aus Alex Bleachs‘ Leben. Dieses Leben, auf das die Gruppe so neidisch geblickt hatte. Er hatte es ja schließlich geschafft. Er führte das Rockstarleben, das sie alle träumten, als sie jung waren. Bis das Koks Bleach in der Badewanne hinweggerafft hat.

Was diese Tapes nun auslösen, liest sich wie ein Krimi. Aïsha, die sich dem Islam zugewandt hat, nachdem sie im ersten Band herausgefunden hat, dass ihre verstorbene Mutter „Vodka Santana“, ein Pornostar war, meint in diesen Tapes herauszuhören, dass der Tod ihrer Mutter kein natürlicher war. Sie will Rache.

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Virginie Despentes – J.-F. PAGA/GRASSET

Es ist geschickt und klug, wie Despentes die Neurosen der einzelnen Figuren aus dem ersten Band weiterentwickelt, ihren Hass, ihr Scheitern. Das Gesellschaftspanorama, das Despentes im ersten Teil großartig illustriert hat, führt sie nun weiter und entwirft eine Detektivgeschichte, die sich in all dem Irrwitz ganz großartig niederlässt.

Vernon, der jedes Übernachtungsangebot der gewissensgebissenen Truppe ablehnt, findet sich nun als Star der Buttes-Chaumont wieder. Fast romantisch klingt die Beschreibung, wie Vernon unter freiem Himmel die Augen schließt und wieder erwacht um dann den Tag mit seinen Freund*innen zu verbringen, die nun täglich im Park aufschlagen – mit Essen, Dope, Musik und gutem Wein. Despentes Beschreibung der Verzweiflung und Einsamkeit der Figuren hat hier wahrscheinlich seine größte Schlagkraft – in der Beschreibung dieser Gruppe, deren Protagonist*innen unterschiedlicher kaum sein könnten und die trotzdem jeden Tag mit einer Sippe von Obdachlosen im Park rumhängen.

Seitdem sagt er oft zu Vernon: „Du bist wie ein Ofen, weißt du das? Deswegen sind wir alle hier“, und er zeigt dabei auf die Leute ringsum.

Auch fehlt die gewisse Portion Absurdität nicht, die Despentes auch schon im ersten Teil vorgelegt hat. Der Alki, der plötzlich Millionär ist und beschließt, dass er einfach nichts ändert. Der Identitäre, der sich einen Abend lang von seinem Hass freitanzt und am nächsten Tag von seinen noch viel radikaleren Kumpels totgeprügelt wird. Und natürlich die Gruppe, bestehend aus Muslima Aïsha und Ex-Pornostars, die Rache üben, an jedem Schwein, das zu langsam ist.

Wenn der Wahnsinn, so abgedreht er auch sein mag, von einer Gruppe geteilt wird, kann er zum Lebensstil werden.

Despentes schafft es,wie im ersten Band, einen scheinbar banalen Moment zu kreieren, aus dem sich ein Strudel von Ereignissen entwickelt, der nicht mehr aufzuhalten ist. In der Ausformung ihrer Charaktere, die vielleicht nicht mehr ganz so schonungslos in ihrer Sprache sind, ist sie grandios. Und Vernon scheint noch immer der passive Zuschauer seines Lebens, der sein Schicksal einfach emotionslos annimmt und ohne Zutun zum Hoffnungsträger einer Gruppe Menschen wird. Ein obdachloser Messias der Buttes-Chaumont.

 

Hier geht es zur Besprechung von Teil 1.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 2, übersetzt von Claudia Steinitz

Kiepenheuer & Witsch; 400 Seiten; 22 Euro

Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar. 

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