Oh, Simone! Julia Korbiks Ode an Simone de Beauvoir

In „Oh, Simone!“ möchte Julia Korbik junge Leser*innen für die französische Philosophin Simone de Beauvoir begeistern. Das gelingt, allerdings mit kleinen Abstrichen.

Die Haare im Turban versteckt, strenger Blick und stets an der Seite Sartres. So kennen die meisten Simone de Beauvoir. Ihr Werk Das andere Geschlecht (1949) gehört zur Standardliteratur jedes Gender Studies Seminars, vor allem ihr berühmter Ausspruch „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“ prägt bis heute den Feminismus. Aber Simone de Beauvoir war und ist viel mehr als das. Um das zu zeigen, rief die Journalistin und begeisterte Beauvoir-Leserin Julia Korbik 2016 den Blog Oh, Simone ins Leben, der sich Simone de Beauvoir in all ihren Facetten widmet. Ihre Blogeinträge hat Korbik nun zu einem Sachbuch verarbeitet.

„Simone muss gelesen und diskutiert werden. Weil erst durch sie der von Sartre abstrakt gedachte Existenzialismus konkret wird, weil sie manchmal so herzerweichend poetisch und dann wiederum ganz nüchtern Alltagsszenen schildert, weil sie eine eigenständige Denkerin ist, die mit kühlem Kopf und klarem Verstand moralische Fragen analysierte. Schlicht, weil diese Frau das Potenzial hat, einen mit der Wucht ihrer Gedanken umzuhauen.“

In Oh, Simone!, erschienen im Dezember 2017 im Rowohlt Verlag, geht Korbik also auf Spurensuche und versucht einerseits anhand de Beauvoirs Biographien, Briefen und Schriften ihr Leben nachzuvollziehen, andererseits ihre Werke und ihr Schaffen in einen Gesamtkontext einzuordnen. Unterteilt ist das Buch in sechs Kapitel, die zugleich sechs Facetten de Beauvoirs widerspiegeln: Werden, Lieben, Denken, Schreiben, Handeln und Kämpfen. Mal erfahren wir eher alltägliche Dinge über Simone (Korbik nennt sie stets beim Vornamen), beispielsweise wie sie ihre Zeit am liebsten verbrachte, in welchen Cafés sie sich gerne aufhielt oder welche Autor*innen sie gerne las; dann wiederum geht Korbik näher auf ihre philosophischen Ansichten ein und verbindet diese mit ihrem Privatleben.

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Simone de Beauvoir (1908-1986), Ikone des Feminismus, Schriftstellerin und Philosophin.

Julia Korbiks Schreibstil kommt stets leichtfüßig daher. Sie schafft es für noch so komplizierte Sachverhalte eine unbefangene, klare Sprache zu finden – auch wenn manche Formulierungen (zum Beispiel „Beziehungsstatus: Es ist kompliziert“) etwas zu gewollt wirken. Vor allem philosophische Theorien erklärt Korbik äußerst verständlich – wahrscheinlich findet sich in Oh, Simone! einer der besten Crash-Kurse zum Thema Existenzphilosophie überhaupt. Leider verliert sich allerdings das Buch in der ersten Hälfte in einer sehr detaillierten Biografie de Beauvoirs, die zwar ihre Person greifbarer werden lässt, aber auch einige Aspekte (z.B. den Pakt mit Sartre) immer wieder anführt und stellenweise redundant wirkt. Es fehlt ein packender Einstieg, der von Anfang an klar macht, warum es sich lohnt, sich näher mit Simone de Beauvoir auseinanderzusetzen – vor allem für Leser*innen, die mit ihr bisher nicht viel am Hut hatten.

Der Fließtext in Oh, Simone! wird alle paar Seiten von grau unterlegten Kästen unterbrochen, die entweder Fun Facts zu de Beauvoir auflisten (z.B. 5 Dinge, die Simone hasst) oder Zusatzinformationen geben, wie die Kurzbiografie ihres aktuellen Lebensabschnittsgefährten oder wichtige Begriffe des Existenzialismus. Diese lockern zwar den Fließtext einerseits auf, andererseits wirkt ihr Layout wie aus einem Lehrbuch herauskopiert. Überhaupt ist die Gestaltung des Buchs eher trist. Immer wieder wird das gleiche stilisierte Portrait von Simone de Beauvoir verwendet, Farben oder andere gestalterische Elemente finden sich gar nicht (abgesehen vom pinken Schriftzug auf dem Cover). Das ist besonders schade, da Korbiks Blog dagegen sehr verspielt mit Bildmaterial umgeht. Mal wird ein GIF eingefügt, mal ein Portrait umgestaltet, mal ein Artikel um Fotos aus Paris ergänzt oder ein Wohnort de Beauvoirs auf Google Maps markiert.

Trotz dieser kleineren Schwächen schafft es Julia Korbik mit ihrer Begeisterung für Simone de Beauvoir anzustecken – und zeichnet das spannende Bild einer komplexen, äußerst intelligenten und rebellischen Denkerin des 20. Jahrhunderts. Wer allerdings bisher noch gar nichts mit de Beauvoir anfangen kann, dem sei erst einmal ein Blick auf Korbiks Blog ans Herz gelegt.

Julia Korbik: Oh, Simone! Rowohlt, 2017; 317 Seiten; 12,99 Euro.

Wir danken dem Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar!

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