„Vieles Gewalt’ge lebt, und nichts / Ist gewaltiger als der Mensch“

Mit ihrem bereits siebten Roman, „Home Fire“, adaptiert Kamila Shamsie den Antigone-Stoff und transferiert ihn äußerst erfolgreich in die Gegenwart.

Antigone und Ismene wachsen gemeinsam mit ihren Brüdern Eteokles und Polyneikes bei Onkel Kreon auf, nachdem die Eltern Ödipus und Iokaste verstorben sind (ihr kennt die ganze inzestuöse Geschichte). Im Machtkampf um die Thronfolge, wird Polyneikes vom Machthunger hingerissen und kämpft auf der gegnerischen Seite gegen seine Heimatstadt Theben. Im Kampf sterben beide Brüder – Eteokles wird nach dem Recht der Götter in Theben bestattet, Polyneikes‘ Leiche, so will es Kreon, ist dazu verdammt außerhalb der Stadt zu verrotten. Antigone ist im Zwiespalt – wird ihr Bruder nicht beerdigt, so wird das Gesetz der Götter gebrochen, bestattet sie ihn, bricht sie weltliches Recht.

Antigones Entscheidungsdilemma erlebt auch Aneeka, eine der Protagonistinnen in Shamsies Roman „Home Fire“. Zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Parvaiz, wächst sie nach dem Tod der Mutter und aufgrund der Dauerabwesenheit des Vaters, bei ihrer großen Schwester Isma auf. Isma entscheidet sich, nachdem die Zwillinge aus dem Gröbsten sind, für eine akademische Laufbahn – ein Stipendium bringt sie in die USA.

„‚Can I ask you something?‘ he said. ‚The turban. Is that a style thing or a Muslim thing?‘
‚You know, the only two people in Massachusetts who have ever asked me about it both wanted to know if it’s a style thing or a chemo thing.'“

Dort wird sie nicht lange bleiben können, denn Bruder Parvaiz verschwindet nach Syrien, um sich dem Medienflügel des IS anzuschließen. Daraus entwickelt sich die Handlungsspirale zwischen dem Zaudern Ismas und der Kalkulation Aneekas.

Hayfestival-2016-Kamila-Shamsie
Autorin Kamila Shamsie, ©Wikimedia Commons

Aneeka bandelt, während Isma in den USA Parvaiz‘ Entscheidung an die Polizei verrät, mit Eammon, dem Sohn des Innenministers, an.  Sie versucht seine politische Machtposition auszunutzen und so ihren Bruder nach Hause zu holen.

Auch Eammon bringt diese Liebe in einen Zwiespalt, ist doch sein Vater zwar pakistanischer, muslimischer Herkunft, hat aber aus Machtgründen einen enorm anti-muslimischen Wahlkampf geführt. Karamat Lone steht unbezweifelbar in der Tradition des machtbesessenen Antigone-Onkels Kreon. Auch er verweigert Parvaiz die „Heimkehr“.

„‚Uh huh. But she has no problem – ‚ He brought the palms of his hands together and then separated them.
‚What? Opening a book?‘
‚Sex.‘
‚Dad! No, she has no problem with that. There is no problem with that at all. And if you want hand gestures for sex, try one of these.'“

Rund um diese Konflikte entwickelt Shamsies Roman seine ganze politische Strahlkraft, indem sie die antike Geschichte gekonnt und bravourös in die politischen Konflikte der Jetztzeit transportiert. Das europäische Urstück wird zur Tragödie über ein zeitgenössisches, globalisiertes Europa. Der Feind der Stadt wird hier im größeren Kontext zum Feind der westlichen Welt, der Demokratie und den damit verbundenen Freiheitswerten.

Zum Chor wird die Stimme der Lesenden selbst, die sich im Kopf immer wieder bewertend dazwischenschaltet. Das Schlusswort und der kathartische Kommentar obliegt ebenfalls den Lesenden. Der Exodus mit Katastrophe, jedenfalls, bleibt nicht aus.

Shamsie konstruiert damit eine Geschichte die direkt ins Herz des gegenwärtigen europäischen Dilemmas zwischen Terror, Fremdenfeindlichkeit, Moral, Demokratie und Humanität trifft. Ein großer Roman und ein europäisches Urstück – mal zeitgenössisch.

2017 in GB im Verlag Bloomsbury Circus erschienen. Leider ist „Home Fire“ noch nicht auf deutsch erschienen.

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