#metoo: Das Dilemma der Fräulein Else

Mit der #metoo-Bewegung ist Arthur Schnitzlers 1924 erschienene Novelle „Fräulein Else“ so aktuell wie nie – vor allem in Form von Manuele Fiors genialer Comic-Adaption.

„Nichts anderes verlange ich von Ihnen, als eine Viertelstunde in Andacht vor Ihrer Schönheit.“ Hätte Harvey Weinstein Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt, wäre sein Name sicher Dorsday gewesen. Der reiche Kunsthändler weiß in Schnitzlers Novelle seine Machtposition perfide auszunutzen, um Protagonistin Else sexuell unter Druck zu setzen. Denn diese braucht unbedingt 30.000 (später sind es 50.000) Gulden, um die Schulden ihres Vaters zu tilgen – sonst droht ihm die Inhaftierung.

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Dorsday ist bereit Elses Vater zu helfen – wenn sie sich im Gegenzug ihm nackt zeigt. (Bild: Manuele Fior / avant-Verlag)

Else wird ins Dilemma gestürzt: Widersetzt sie sich Dorsdays Wunsch, sie nackt zu sehen, ist das Schicksal des Vaters besiegelt; fügt sie sich dem Kunsthändler, kommt dies einer Selbstprostitution gleich und damit dem Verlust ihrer Autonomie. Schnitzlers Novelle ist in reiner Monologform geschrieben. Und so folgen die Lesenden Elses Gedanken in eine Abwärtsspirale, in der sie letztendlich nur noch einen Ausweg sieht, sich vom Objekt wieder zum Subjekt zu erheben: durch ihren Selbstmord.

Die Form des inneren Monologs ermöglichte es Schnitzler ein Sprachrohr für seine Protagonistin in einer Zeit zu entwickeln, in der es sich als Frau nicht schickte, ihre Gefühlswelt einfach frei zu äußern. Beeindruckend kommt der innere Gemütszustand Elses in Manuele Fiors gleichnamiger Comicadaption zum Ausdruck. Diese erschien zwar bereits 2010 im avant-verlag, wurde aber 2017 neu aufgelegt (und um einen kurzen Skizzenteil ergänzt). In Form von Aquarellbildern wandeln sich die Farben je nach Gefühlszustand von warmen, pastelligen Tönen, wenn Else von einer neuen Heimat in Italien träumt, hin zu einem dunklen Schwarz, das ihre wachsende Verzweiflung zum Ausdruck bringt – bis nur noch ein schwarzes Panel übrig bleibt.

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Edvard Munchs „Madonna“ erinnert an die Vision der toten Else, hier als Titelbild.

Fiors Zeichentstil orientiert sich an der Wiener Secession, der Kunstepoche zu Zeiten Schnitzlers. Die Figuren erinnern mal an Egon Schiele, mal sind sie als Hommage an Gustav Klimt oder Edvard Munch zu lesen. Trotz dieser „Collage“ verschiedener Künstler, findet Fior einen ganz eigenen Zeichenstil, der enorm ausdrucksstark ist. Insbesondere wenn sich Dorsdays Gesicht zu einer lüsternen Fratze verzieht oder Else unter Einfluss des Veronals ihre Familie als verzerrte Gestalten wahrnimmt.

Natürlich lässt sich der Bewusstseinsstrom, für den Schnitzlers Novelle bekannt ist, nicht eins-zu-eins in einen Comic übertragen. Fior zitiert Textstellen teilweise direkt, überträgt Monologe in die Figurenrede oder lässt sie ganz weg. Er schafft es aber auch, die vagen Monologe ins Visuelle umzusetzen und so mit Hilfe von Text und Bild neue Aspekte der Novelle zum Vorschein zu bringen. Ein Beispiel hierfür ist die Depesche der Mutter, in der sie Else von den Schulden des Vaters berichtet und sie bittet mit Dorsday zu reden – wohl in dem Wissen, was dieser von ihr im Gegenzug verlangen wird. Fior übernimmt den gesamten Inhalt des Briefes handschriftlich in seinen Comic, unterbricht diesen aber visuell mehrmals durch Elses spontane Gedanken und Erinnerungen, die sie während des Lesens ergreifen, und kommt dabei (fast) ohne Worte aus.

Manuele Fiors Umsetzung von Fräulein Else wird nicht nur der Novelle gerecht, sie transformiert sie zu etwas Neuem. Auf faszinierende Weise verflechtet Fior Bild und Text miteinander und schafft ein Gesamtkunstwerk, das durch seine ästhetisch bedrückende Wirkung darauf hinweist, mit welcher zerstörerischen Konsequenz Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen die Selbstbestimmung über ihren Körper aberkannt wurde – und es auch heute noch wird.

Manuele Fior: Fräulein Else. avant-verlag, 2017; 96 Seiten; 24,95 Euro.

Wir danken dem avant-verlag für das Rezensionsexemplar!

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