Keine Kontrolle, nirgends – Franziska Seyboldts „Rattatatam, mein Herz“

In ihrem erzählten Sachbuch verarbeitet Franziska Seyboldt ihre Angststörung und stilisiert die Angst zu dem, was sie ist – eine ständige Begleiterin. 

Da ist sie plötzlich – als Fahrgast in der U-Bahn, oder sich lässig auf einem Barhocker niederlassend und einen Wodka Martini bestellend – dirty! Dirty? Ja, dirty. Mit Olivensaft. Auf einer Party, zu Hause oder in der Morgenkonferenz – die Angst ist Seyboldts ständige Begleiterin. In Rattatatam, mein Herz stilisiert die Autorin sie zur Protagonistin, führt Dialoge mit ihr, streitet sich mit ihr, versöhnt sich.

„An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte. Dann spaziere ich bepanzert bis an die Zähne durch die Straßen und verrichte gemächlich mein Tagewerk, Tunnelblick an und los […]. An schlechten Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben, Stimmungen und Menschen plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht.“

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Franziska Seyboldt © Linda Rosa Saal

Seyboldt ist Schülerin, in jener Anekdote, die sie in einem der Kapitel erzählt, und motiviert ein hervorragendes Französischreferat über Boris Vians „Der Schaum der Tage“ zu halten. Sie besorgt sich Duke Ellingtons Chloe, das Inspiration für Vians Protagonistin darstellt, um dies zu Beginn des Vortrags einzuspielen. Sie recherchiert zum Zusammenhang zwischen Jazz und Literatur und will auf keinen Fall ein langweiliges Referat halten. Das habe Vian nicht verdient. Doch als sie vor der Klasse steht und in die ausdruckslosen Gesichter schaut – Blackout, kalter Schweiß, ein Rauschen auf den Ohren. Die Angst schlendert locker als rebellische Schülerin ins Klassenzimmer und platziert sich in der letzten Reihe. Blackout! Das Referat beendet Seyboldt mit verlorenem Faden, wie im Traum, ohne auch nur einen Schimmer zu haben, was sie eigentlich erzählt hat.

Es ist eine autobiographische Geschichte, die uns Seyboldt, Kolumnistin der taz und bereits Autorin des dritten Buches, erzählt. In kurzen Kapiteln schildert sie höchstpersönliche Situationen ihres Lebens, in denen sie ausgelöst durch kleinere und größere Trigger, wie die ausdrucklosen Gesichter während eines Referats, oder auch nur der Bericht einer Operation, in Panik verfällt – schweißnass, Rauschen, Ohnmacht.

„Dieses Mal, das spüre ich, geht es ums Ganze. Das hier ist beschissene, pure Existenzangst. Weil ich mein Leben nicht in den Griff bekomme. […] Weil ich einiges ändern muss und genau das gerade nicht kann. […] Wenn es so weitergeht, werde ich noch jahrelang für schlecht bezahlte Projekte arbeiten, die gut für den Lebenslauf sind, und dann einfach sterben.“

Bildhaft und eindrucksvoll beschreibt Seyboldt die Entwicklung der Krankheit, gescheiterte Therapieversuche, Rückschritte und Fortschritte bis hin zum Öffentlichmachen ihrer Erkrankung.

Poetisch, schmerzhaft, manchmal auch fast komisch, beschreibt sie die Jahre des Versteckens, nicht Wahrhabenwollens, die Panik vor der Panik, bis sie durch eine erfolgreiche Therapie beschließt, die Angst als Teils ihres Lebens zu akzeptieren und diese, zuerst in ihren Kolumnen und später in diesem Buch, öffentlich zu verarbeiten.

„Beim Duschen kurz erschrocken, weil mir jemand ans Knie gefasst hat. War dann aber doch nur ich selber.“

Rattatatam, mein Herz ist ein mutiges Buch. Ein Pageturner, das enormes Identifikationspotenzial für Menschen mit psychischen Erkrankungen bietet und Mut macht, sich mit psychologischen Krankheitsbildern auseinanderzusetzen, sie nicht als Tabu zu stilisieren und sich Hilfe zu suchen. Auch wird dieses Buch einen erheblichen Beitrag leisten, Unverständnis über psychische Erkrankungen auszumerzen, Mythen aus dem Weg zu räumen und mit der sozialen Tabuisierung unserer westlichen Leistungsgesellschaft zu brechen.

Zum Buch:
Franziska Seyboldt: Rattatatam, mein Herz. Vom Leben mit der Angst
Kiepenheuer & Witsch, 2018
256 Seiten, 18 Euro

Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar!

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