Emanzipationsdampfmaschinen

Die nGbK zeigt noch bis zum 21. Januar den zweiten Teil der Ausstellungsreihe „Reframing Worlds – Mobilität und Gender aus postkolonial, feministischer Perspektive“. [Der erste Teil in der Galerie im Körnerpark wurde ebenfalls besprochen.] 

“In the deep shade, at the farther end of the room, a figure ran backwards and forwards. What it was, whether beast or human being, one could not, at first sight tell: it grovelled, seemingly, on all fours; […] like some strange wild animal: but it was covered with clothing[…]. [T]he clothed hyena rose up, and stood tall on its hind-feet.”

So beschreibt Jane Eyre im gleichnamigen Erfolgsroman, die auf dem Dachboden eingeschlossene Madwoman in the Attic, Bertha Mason. Eine wahnsinnige, gewalttätige Kreatur, die sich am Ende des Romans vom Dach der brennenden Thornfield Hall stürzt, nachdem sie diese in Brand gesetzt hat. Die fiktionale Biographie, die von feministischen Literaturwissenschaftler*innen lange als literarische Emanzipationsgeschichte gepriesen wurde und noch wird,  stellt allerdings „nur“ die Emanzipationsgeschichte einer weißen* Frau* dar. Theoretikerin Gayatri Spivak kritisiert, dass diese Emanzipation hauptsächlich auf dem Tod und der Misere des kolonialisierten Subjekts, der Kreolin Bertha Mason, beruht.

Der zweite Teil der Ausstellung Reframing Worlds: Mobilität und Gender aus postkolonial, feministischer Perspektive“ ruft ebenfalls Fragen um die „blinden Flecken“ feministischer Diskurse und feministischer Mechanismen auf. In verschiedenen Kunstwerken werden Blickachsen der Macht untersucht. Dabei liegt der Fokus vor allem auf europäischen Frauen*, die aufgrund verschiedener Lebenswege Reisen fernab Europas unternahmen und diese mit europäischem Blick dokumentierten.

In der Arbeit „Ashes and Broken Brickwork of a Logical Theory” setzt sich die Künstlerin Susanne Kriemann mit der fotografischen Dokumentation Agatha Christies auseinander. Christie nahm 1930 für das British Museum an archäologischen Expeditionen im heutigen Nordirak und Syrien teil. Kriemann setzt den Fotografien Christies ihren Blickwinkel in Form von zeitgenössischen Fotografien gegenüber und versucht kulturell vermittelte Hierarchisierungen, wie Christie sie in Romanen, wie „Mord im Orientexpress“ verarbeitete, zu hinterfragen.

Künstlerin AGF untersucht in ihrer Performance mit zugehörigem Klangstück „Unlistening White Feminism – Sonic OVERmapping of Ida Pfeiffer’s Colonial Travel Diaries“ die Schriften Ida Pfeiffers, welche als erste europäische Frau allein um die Welt reiste. Ihre Reisetagbücher galten als unterhaltsame Lektüre für die Mittel- und Oberschicht, geprägt von eurozentrischen Moralvorstellungen. Und auch hier wird die Frage aufgeworfen, auf wessen Kosten die Emanzipation und der durchaus ungewöhnliche Erfolg einer europäischen Frau* zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgen konnte. AGF unternimmt daher den Versuch eines klanglichen „overmappings“ durch Klangstücke aus Regionen, die Pfeiffer bereist hat und stellt diese Klänge den Beschreibungen Pfeiffers gegenüber. Eine Einladung zum „Enthören“ von weißem* Feminismus.

 

Auch im zweiten Teil der Ausstellungsreihe sind die „Woman to Go“ zu finden – ein Projekt der Künstlerin Mathilde ter Heijne. Auf einem Postkartenständer sind Daguerreotypen diverse Frauen* versammelt und auf der Rückseite mit vergessenen Geschichten verschiedenster Frauen* versehen. Ein Versuch Geschichten sichtbar zu machen, Stimmen hörbar.

Während der erste Teil der Ausstellungsreihe (noch zu sehen in der Galerie im Körnerpark) versuchte negative Stereotypisierungen aufzudecken, Zuschreibungspraktiken zu untersuchen und „blinde Flecken“ der deutschen Geschichte aufzuzeigen, legt der zweite Teil den Fokus eher auf rassistische Tendenzen weißer* Feminismen.

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Ausstellungsansicht mit Arbeit „Women to Go“ und Teil der Arbeit „Misplaced Concreteness“ von Moira Zoitl

Neben eindrucksvollen Kunstwerken, die mit Recherchetechniken, archivarisch und dokumentarisch arbeiten, werden in der Ausstellung außerdem Frauenzeitschriften deutscher Frauen* in den Kolonien ausgestellt – da liegen „Kolonie und Heimat“ und andere Titel, die den deutschen Frauen* das Leben in der Kolonie versüßen sollten. Herausgegeben wurden diese Zeitschriften vom „Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft“. Mit solchen Mitteln vermag die Ausstellungsreihe die „blinden Flecken“ des weißen* Feminismus aufzudecken. Für Frauen* im 20. Jahrhundert bot der Zuzug in die deutsch-beherrschten Kolonien Chancen vorher ungeahnter Mobilität und Wissenserlangen. „Die Kolonialisierung der Welt erwies sich für Frauen* ab dem 19. Jahrhundert als eine Emanzipationsdampfmaschine“.[1]

Die Ausstellungsreihe „Reframing Worlds“ stellt längt überfällige Fragen. Wer produziert Wissen? Wem ist dieses Wissen zugänglich? Wer profitiert davon und wer leidet darunter? Wie wird und wurde Kolonialismus in der feministischen Forschung hinterfragt und untersucht? Durch welche Stereotypen und Dichotomien ist unsere Gesellschaft und ihre Wertvorstellung geprägt? Diese Fragen werden aufgeworfen, aber nicht beantwortet. Die Besucher*innen werden dadurch angehalten, die eigene Rolle zu hinterfragen.

Eine absolut durchdachte, diverse, gut aufbereitete und gelungene Ausstellung.

[1] Maria do Mar Castro Varela im Ausstellungskatalog „Reframing Worlds: Mobilität aus postkolonial, feministischer Perspektive“

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Reframing Worlds – Mobilität und Gender aus postkolonial, feministischer Perspektive
Galerie im Körnerpark und nGbK bis  21. Januar 2018, Eintritt frei, Spenden erwünscht

Titelbild: Agatha Christie und Max Mallowan in Tell Halaf, 30er Jahre, (c) Wikimedia Commons

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