„I’m just going to start at the beginning – with the house.“ Eindrücke zu What Remains of Edith Finch

Vorab: Dieser Artikel enthält (kleinere) Spoiler zu What Remains of Edith Finch. Die größte Wirkung erzielt das Spiel, wenn man möglichst wenig darüber weiß – daher am besten erst spielen, dann weiterlesen.

Vertraute Zimmer, die plötzlich fremd erscheinen; geheime Gänge, die in versteckte Kammern führen; und ein labyrinthisches Gebilde, in dem man sich mehr und mehr verliert. Als gängige Horrortrope findet man das unheimliche Haus immer wieder in der Popkultur. Beispielsweise in Guillermo del Toros „Gothic Romance“ Film Crimson Peak, der, angelehnt an Poes Kurzgeschichte Der Untergang des Hauses Usher, das Haus eines aussterbenden Adelsgeschlechts in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Verbunden ist das unheimliche Haus meistens mit einem dunklen Geheimnis, das tief in seinem Gemäuer verborgen liegt – einer tragischen Liebe etwa oder Mord.

Auch in What Remains of Edith Finch geht es um ein verwinkeltes Haus und sein Geheimnis. In dem Computerspiel des Indie Studios Giant Sparrow begibt sich die 17-jährige Edith, das jüngste und letzte Mitglied des Finch Clans, auf Spurensuche im alten Familienanwesen. Dieses sieht genauso aus, wie sie es vor sieben Jahren abrupt mit ihrer Mutter verlassen hatte: Der Esstisch ist noch gedeckt, dreckiges Geschirr steht in der Spüle, Bücher reihen sich in den Regalen aneinander und Fotos zieren die Wände. Aber nirgendwo scheint die Zeit so eingefroren zu sein, wie in den Zimmern der einzelnen Familienmitglieder. Jedes Mal, sobald jemand aus der Familie starb – und das passierte in dem Haus insgesamt 11 Mal –, wurde ihr oder sein Zimmer samt Habseligkeiten konserviert. Dank eines vererbten Schlüssels hat Edith nun Zugang zu diesen Zeitkapseln und hofft so, das Geheimnis, das ihre eigene Familie umgibt, zu lüften: Was hat es mit dem Fluch auf sich, der die Mitglieder der Finch Familie scheinbar in den Tod treibt?

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Im Haus lassen sich überall die Spuren der Familienmitglieder finden. Der Treppenlift verweist auf Urgroßmutter Edie. Bild: Giant Sparrow / Annapurna Interactive

Grob lässt sich What Remains of Edith Finch in das relativ neue Genre der Walking Simulatoren einordnen, das durch Titel wie Gone Home oder Dear Esther etabliert wurde. In diesen läuft man in Egoperspektive durch eine (oftmals verlassene) Spielwelt, erforscht Gegenstände in ihr und puzzelt sich so die Narrative selbst zusammen. Die Handlungsmöglichkeiten sind auf bloßes „Herumlaufen“ beschränkt – daher der Name Walking Simulator. In What Remains of Edith Finch sind es allerdings nicht nur die Gegenstände im Haus, die die Geschichten der einzelnen Bewohner*innen erzählen – es ist vor allem die Spielmechanik. Und hier liegt das Alleinstellungsmerkmal des Spiels; der Grund, warum What Remains of Edith Finch in sämtlichen Rezensionen Kritiker*innen begeistert. Und der Grund, warum es mehr ist als ein Walking Simulator.

Jedes Mal, wenn Edith einen Tagebucheintrag, Briefe oder Fotos ihrer Verwandten findet, startet eine kurze Episode, in der man einen Einblick in das Leben der jeweiligen Person bekommt. Dabei unterscheidet sich stets die Art, wie diese Episoden erzählt werden. Beinahe wie in einem surrealen Traum berichtet beispielsweise Ediths Großtante Molly, die bereits mit 10 Jahren verstarb, wie sie erst als Katze von Ast zu Ast klettert, als Eule Kaninchen jagt und letztlich als schlangenförmiges Monster auf Menschenjagd geht. Als Spieler*in steuert man all diese Kreaturen, während Mollys Stimme aus ihrem Tagebuch vorliest – ohne dass man sich dabei sicher sein kann, ob Molly im Fieberwahn fantasiert oder die Wahrheit erzählt. Sicher ist nur, dass sie in dieser Nacht stirbt. Eine andere Episode wird als interaktiver Comic umgesetzt, in einer weiteren wird die Geschichte durch den Sucher einer Kamera erzählt.

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In Großtante Barbaras Episode übernehmen interaktive Comic Panels die Narrative. Bild: Giant Sparrow / Annapurna Interactive

Am meisten beeindruckt hat mich die Episode um Ediths Bruder Lewis. Im Verlauf des Spiels findet Edith einen Brief, der von Lewis Therapeutin an ihre Mutter geschickt wurde. In diesem schildert sie, wie sich Lewis während seiner Arbeit in einer Fischfabrik mehr und mehr in seiner Fantasiewelt verliert. Man übernimmt Lewis’ Perspektive und erhält die simple Aufgabe, mit dem rechten Analogstick die Fische mit dem Schneidemesser zu zerteilen. Parallel dazu eröffnet sich auf der linken Seite des Bildschirms Lewis Fantasiewelt, in der er sich als tapferer Held imaginiert. Während man weiterhin mit dem rechten Stick Fische zerschneidet, muss nun die linke Hand mit dem linken Analogstick des Gamepads Lewis’ anderes „Ich“ durch ein immer komplexer und detailreicher werdendes Labyrinth führen. Die Konzentration der Spieler*innen verlagert sich, analog zur Figur Lewis, mehr und mehr auf die Fantasiewelt. So wird die Entwicklung der Figur nicht nur in der Narration behauptet, sondern auch in der Spielmechanik thematisiert.

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In Lewis‘ Episode sind sowohl Handlung als auch Spielmechanik zweigeteilt – und spiegeln seinen mentalen Geisteszustand wider. Bild: Giant Sparrow / Annapurna Interactive

Das einzige, was mich an What Remains of Edith Finch stört, ist die Anfangssequenz. Als Edith läuft man durch ein Waldstück langsam auf das Haus zu. Gleichzeitig liest ihre Stimme aus dem Off aus ihrem Tagebuch vor. An sich eine gute Idee, um die Spieler*innen mit der Hauptfigur und dem Setting vertraut zu machen. Allerdings ist der O-Ton mit leeren Phrasen wie „I felt like the house itself had been waiting for me“ oder „for the first time in years… I felt home“ so überfüllt, dass er unangenehm prätentiös wirkt – und kaum einen Eindruck von Ediths Persönlichkeit zulässt.

Aber darüber kann man leicht hinweg sehen, da spätestens mit der ersten Zwischenepisode die bedeutungsschwangeren Metaphern abnehmen und sich der Erzählstil gekonnt zwischen schwarzem Humor und schwermütiger Melancholie einpendelt. Dank der abwechslungsreichen Episoden, die sich jedes Mal anders spielen und anders erzählt werden, ist What Remains of Edith Finch so bunt, vielseitig und experimentell, dass es garantiert jedem in Erinnerung bleibt, der sich die drei Stunden Zeit dafür nehmen möchte.

 

What Remains of Edith Finch
Studio: Giant Sparrow
Plattform: Windows, PS4, Xbox One
Erscheinungsdatum: April 2017

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