This is Memory

„Another Brooklyn“ von Jacqueline Woodson ist eine großartige Coming-of-Age-Story über Freundschaft, Verlust und schmerzhafte Erinnerungen und den Traum von einem anderen Brooklyn.

August, die Protagonistin des Textes, kehrt als Erwachsene nach Brooklyn zurück, ins New York der 1990er Jahre. August, die als Anthropologin auf der ganzen Welt unterwegs ist, um Todesriten verschiedener Kulturen zu erforschen, geht nun wieder in die Stadt ihrer Kindheit zurück – um ihren Vater zu beerdigen. Ausgehend von diesem Punkt setzt Augusts Erinnerung ein, an ein Brooklyn der 1970er Jahre, ein Brooklyn, das wenig gemein hat mit dem gentrifizierten und unbezahlbaren Brooklyn der Jetztzeit. Ein Brooklyn, das geprägt ist von Drogen, von Beschaffungskriminalität, von Prostitution und Elend. Aber auch an ein Brooklyn, das sie mit ihren Freundinnen Gigi, Angela und Sylvia durchstreift.

The four of us together weren’t something they understood. They understood girls alone, folding their arms across their breasts, praying for invisibility.

August war etwa acht als sie, ihr Bruder und ihr Vater von Tennessee nach Brooklyn ziehen. Mit Tennessee verbindet August die schönsten Kindheitserinnerungen und auch die Erinnerungen an ihre Mutter, die verrückt geworden durch den Vietnamtod ihres Bruders Clyde, ins Wasser ging. August glaubt bis ins Teenageralter fest daran, dass ihre Mutter auch bald nach Brooklyn kommen wird.
Ihre Freundinnen schenken ihr Trost, während ihr Vater Zuflucht in der Nation of Islam findet und sich im erstarkenden Civil Rights Movement engagiert.
Mit ihren Freundinnen teilt sie alles – Kleidung, Träume, Geheimnisse. Sie laufen laut lachend durch die Nachbarschaft, um unnahbar zu wirken. Dabei lauern Männer in ihren Hausfluren, oder drängen sich in der Kirche zu dicht hinter sie, belästigen sie.

Something about the curve of our lips and the sway of our heads suggested more to strangers than we understood.

Ihre Freundschaft kann dem Erwachsenwerden und den damit verbundenen Schwierigkeiten nicht standhalten und wird sich zerschlagen und nur noch als Erinnerung existieren.
Jacqueline Woodson, selbst in den 1970er Jahren als schwarze* Frau* in Brooklyn aufgewachsen, hat mit Another Brooklyn ihren ersten Erwachsenenroman geschrieben. Mit ihren Kinder- und Jugenbüchern wie Brown Girl Dreaming hat sie bereits enorme Erfolge gefeiert.

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Photo credit: Toshi Widoff-Woodson

Reduziert und simpel, aber doch hochpoetisch, schafft es Woodson ein eindrückliches Bild einer Stadt zu zeichnen und den Schwierigkeiten als women of color in den USA aufzuwachsen. Fast beiläufig klingen horrible Elemente an, die das Leben der 1970er Jahre national und international bestimmen: die verhungernden Kinder in Biafra, die Serienmorde durch „Son of Sam“ David Berkowitz sowie die sinnlosen Grausamkeiten des Vietnamkriegs. Mit kurzen, aber durchaus eindringlichen Sätzen gelingt es Woodson bravourös, die bestimmende Intersektion von Sexismus, Rassismus und Klassismus aufzuzeigen, mit der die Mädchen konfrontiert sind.

The only curse you carry“, her mother said, „is the dark skin I passed on to you. You gotta find a way past that skin. You gotta find your way to the outside of it. Stay in the shade.

Es liegt nahe Vergleiche zu den Romanen  der Nobelpreisgewinnerin Toni Morrison, wie Sula oder The Bluest Eye, zu ziehen, die sich ebenfalls mit dem Aufwachsen in Amerika als woman of color beschäftigen – mit rassistischer und sexualisierter Gewalt und der bestimmenden Intersektion von Identitätslabels.

If we had had jazz, would we have survived differently? If we had known our story was a blues with a refrain running through it, would we have lifted our heads, said to each other, This is memory again and again until the living made sense? Where would we be now if we had known there was a melody to our madness?

Voller Poesie und Referenzen auf Musik und Popkultur hat Woodson ein wunderschönes, aber auch tragisches sowie drastisches Werk geschaffen. Bisher ist Another Brooklyn noch nicht ins Deutsche übersetzt. Man kann sich aber durchaus sicher sein, dass sich der Roman den Weg zum internationalen Erfolg, so oder so, bahnen wird.

 

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