Gender Trouble im Hamburger Bahnhof

Agnieszka Polska gewinnt den Preis der Nationalgalerie. Doch was bleibt hängen, von den Ausstellungen der vier Nominierten, abgesehen von ihrer Herkunft und ihrem Geschlecht? Ein strukturelles Problem.

Was genau weiß man über die Positionen der vier für den Preis der Nationalgalerie Nominierten , der mittlerweile an Agnieszka Polska vergeben wurde, bevor man die Ausstellungsräume betritt? Sie sind weiblich, sie leben in Berlin, aber sind allesamt nicht in Deutschland geboren. Diversity ist ein Schlagwort, das mittlerweile zum guten Ton im Museumsbetrieb gehört. Problematisch wird es nur, wenn es am Ende nicht mehr um das künstlerische Werk geht – dann schlägt „Diversity“ in gut gemeinte Diskriminierung um.

Das kritisieren nun auch die vier Nominierten Jumana Manna, Iman Issa, Sol Calero und Gewinnerin Agnieszka Polska.
“[W]e have been troubled by the constant emphasis, in press releases and public speeches, on our gender and nationalities, rather than on the content of our work”, schreiben sie in ihrem Statement. Es sei “geradezu penetrant” gewesen, heißt es auf deutschlandfunkkultur.de.

Und nun noch einmal gegrübelt – was wusste man über die gezeigte Ausstellung? Die Monopol, beispielsweise, titelte „Vier Frauen hoffen auf Preis der Nationalgalerie 2017“ und SPIEGEL ONLINE nutzte die Überschrift „Berliner Frauen unter sich“. Die meisten Medien nutzen übrigens das gleiche Foto – die Grazien, ausgeweitet auf die Zahl vier, mit der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs im Rücken.

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Beliebtes Pressefoto: Jumana Manna, Sol Calero, Iman Issa, Agnieszka Polska (v.l.n.r.) © Foto: David von Becker

Dabei sind die vier im Hamburger Bahnhof gezeigten Arbeiten durchaus sehenswert. Opener ist die kitschige Exotikwelt Sol Caleros, durch die wir die Ausstellung betreten. Das „Amazonas Shopping Center“, so der Titel des Environments, ist der Traum aller Kitschherzen. Überfüllt mit blinkendenden Neonröhren, einem Nagelstudio, Friseur und einem Kino, in dem die dazugehörige schaurig-schreckliche Telenovela läuft. Sol Calero beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit der „Selbst-Exotisierung“ „lateinamerikanischer Identitäten“ und die damit verbundene Mimikry an bestehende exotisierende Klischees. Eine vielschichtige und vor allem amüsante Arbeit.

Die Künstlerin Iman Issa zeigt die Serie „Heritage Studies“, in welcher sie Bauwerke und Artefakte der Weltgeschichte in minimalistische Skulpturen umsetzt. In ergänzenden Textschnipseln, beschreibt die Künstlerin die Referenzobjekte in ihren eigenen Worten. Die Skulpturen, „mentale Drucke“, schlagen eine Brücke zwischen antikem Weltkulturerbe und Kunstwerken der Jetztzeit und stellen damit die Frage nach der Beschaffenheit dieser Verbindung. Ein hochästhetischer und spannender Parcours – und meine persönliche Gewinnerin!

Jumana Manna hat ein Environment erschaffen, das an Baustellen erinnert – an Unfertigkeit. Ein Environment zum Verweilen, denn zwischen den Plastikstühlen und Metallgerüsten läuft der Film „A Magical Substance Flows Into Me“, der sich mit dem jüdisch-deutschen Musikethnologen Robert Lachmann beschäftigt. Lachmann unterhielt von 1936-37 eine Radiosendung über traditionelle Musik im Palästinensischen Rundfunk. Manna untersucht die Wurzeln dieser Musik und trifft in ihrem Film auf kurdische, marokkanische, jemenitische Juden, auf Beduinen und Kopten und lässt Musiker*innen Musikstücke aufführen, die auch Lachmann in seiner Radiosendung spielte. Ein ambitioniertes und enorm interessantes Projekt, für das man aber (leider!) eine Menge Zeit mitbringen muss.

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Sol Calero, Amazonas Shopping Center, 2017, Installationsansicht im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Trevor Good / Courtesy the artist, Laura Bartlett Gallery, London

Die Gewinnerin, Agnieska Polska, beschäftigt sich in der gezeigten Zwei-Kanal-Installation „What the Sun Has Seen“ damit, naja, was die Sonne gesehen hat. Eine animierte Riesensonne erzählt in zwei nacheinander geschalteten Filmen von Umweltzerstörung, bezieht sich auf Quantenphysik und Walter Benjamin. Eine Arbeit, die in Zeiten von Umweltkatastrophen und Verschwörungstheorien über den angeblich erfundenen Klimawandel zwar topaktuell, aber leider wenig originell daherkommt und mit einem Touch zu viel Schulklassenmoral auftrumpfen will. Dennoch – die Jury stimmte für diese Arbeit. Über die Gründe ist man sich natürlich nach den Vorwürfen der Finalistinnen nicht mehr sicher. Geht es hier wirklich um die Arbeit? Oder ist das Herkunftsland Polskas, Polen, durch den steigenden Rechtsdruck einfach besonders interessant?

Nichtsdestotrotz lohnt es sich die Ausstellung der Finalistinnen anzusehen – unabhängig von deren Geschlecht und Herkunft. Man kann nur hoffen, dass die Konsequenz aus diesem Eklat nicht sein wird, dass nächstes Jahr nur noch biodeutsche Männer nominiert werden.

Preis der Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof, bis 14.1.2018, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr
8,00 EUR, ermäßigt 4,00

Titelbild: Ausstellungsansicht der Arbeit Agnieska Polskas im „Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart“

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