Von Frauen, die keine Angst haben: Pénélope Bagieus „Unerschrocken“

Unerschrocken – unter diesem Titel illustriert die Französin Pénélope Bagieu „fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen“ in Comicform. In kurzen, in sich abgeschlossenen Biopics zeigt sie einen kurzen Abriss der Lebensgeschichten von sowohl historischen als auch zeitgenössischen Frauenfiguren, die – ob als Dame mit Bart, Widerstandskämpferinnen, Kaiserinnen, Sportlerinnen oder transsexuelle Berühmtheiten – auf ihre eigene Weise gegen Grenzen rebelliert haben.

Da wäre zum Beispiel Annette Kellerman, Profi-Schwimmerin und Erfinderin des modernen Badeanzugs, mit dem sich Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals uneingeschränkt im Wasser bewegen konnten. Oder Wu Zetian, die einzige Kaiserin Chinas, die im 7. Jahrhundert in ihrem Land für kulturellen, wirtschaftlichen wie auch sozialen Fortschritt sorgte – um danach von den Geschichtsschreibern als Tyrannenherrscherin diffamiert zu werden.
Ein Höhepunkt ist die Episode um die libanesische Sozialhelferin Leymah Gbowee. Auf berührende Weise erzählt der Comic Gbowees Leidensgeschichte, die sie dazu bewegt, sich während und nach dem libanesischen Bürgerkrieg (1989-2003) für die Rechte der Frauen einzusetzen. Dafür erhielt sie 2011 den Friedensnobelpreis.

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Pénélope Bagieu (*1982) wurde berühmt durch ihren Comicblog “Ma vie est tout à fait fascinante“.  Bild: Wikimedia Commons | Simoné Eusebio.

Bei der Auswahl der Persönlichkeiten legte Bagieu viel Wert auf Diversität: Die Biographien reichen von 350 v. Chr. bis zur Gegenwart, von Südamerika bis nach Australien. Diese Diversität spiegelt sich auch in der Gestaltung der einzelnen Episoden wider. Bagieus Zeichnungen sind simpel, gibt aber zugleich jeder Geschichte ihren eigenen Stil. Zudem weist sie jedem Kapitel eine bestimmte Farbpalette zu, welche einen großen Einfluss auf Stimmung und Atmosphäre haben. Beispielsweise sind es bei Delia Akeley und ihren Afrika-Expedition vor allem Braun- und Ockertöne, die vorherrschen, bei der transsexuellen Sängerin Christine Jorgensen pastellige Grün- und Rosatöne.

 

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Finnische Künstlerin und Munin-Erfinderin Tove Jansson, gezeichnet von Pénélope Bagieu. Bild: Pénélope Bagieu | reprodukt.

Am beeindruckendsten gestaltet ist die Episode um die finnische Künstlerin Tove Jansson. In dieser vermischt sich der Zeichenstil Bagieus mit dem der Mumin-Erfinderin selbst, die für ihren eleganten, ausdrucksstarken Strich bekannt war. Analog zu den Mumin-Comics besteht die Farbpalette aus kontrastierenden Grundfarben. Auch auf inhaltlicher Ebene vermischt sich Janssons Lebensgeschichte mit den Abenteuern ihrer berühmten Trollfamilie.

Die Porträts nehmen in Unerschrocken zwischen drei und zwölf Seiten ein. Die Geschichten der Protagonistinnen werden dafür auf das Wesentliche heruntergebrochen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Persönlichkeiten sollte man also nicht erwarten. Aber das ist auch nicht das Ziel des Comics. Viel mehr macht er neugierig auf die Frauen, die hinter den Geschichten stecken und bewegt dazu, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen (oder sich zumindest von Wikipedia-Artikel zu Wikipedia-Artikel zu klicken). Denn inspirierend ist jede einzelne von ihnen.

Pénélope Bagieu: Unerschrocken: Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen. Reprodukt, 2017; 144 Seiten; 24 Euro.

Wir danken Reprodukt für das Rezensionsexemplar!

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