Simulacrum 2.0: Auf Medienkunst-Tour während der Berlin Art Week 2017

Da ist sie schon wieder vorbei, die Berlin Art Week 2017. Das Hauptstadtevent, das den Berliner Kunstherbst einläuten soll. Große und kleine Häuser legen die Eröffnungen ihrer vielversprechendsten und namhaftesten Ausstellungen in diesen Zeitraum oder erweitern ihre Öffnungszeiten. Wir haben den letzten Tag der Kunstwoche genutzt um an vier Stationen Bewegtbildarbeiten zu betrachten.

Erste Station: n.b.k. Der „Neue Berliner Kunstverein“ trumpft als eine der vier Institutionen, die in Kooperation eine Harun Farocki Retrospektive auf die Beine gestellt haben. Neben n.b.k. zeigt auch das „Savvy Contemporary“ eine Ausstellung, die sich mit dem Einfluss Farockis beschäftigt. Das „Arsenal“ zeigt Filme und das „HKW“ und „Silent Green Kulturquartier“ kooperieren miteinander und veranstalten Talks.

Die Ausstellung „Mit anderen Mitteln – By other Means“ zeigt eine durchaus gelungene Auswahl von Arbeiten aus dem vielfältigen Oeuvre Farockis. Neben vom Künstler aufgenommenen Fotografien, die Willkommensschilder am Flughafen zeigen, auf denen sein Name nur in den wenigsten Fällen korrekt geschrieben ist (ziemlich witzig) sieht man, wie sollte es anders sein, mehrere Bewegtbildinstallationen getreu dem Farocki’schen Motto „Trennen – Verbinden – Übersetzen“. Da ist zum Beispiel eine Mehrkanal-Installation mit dem Titel „Fressen oder Fliegen“ von 2008, die sich mit der Koinzidenz von männergemachtem Spielfilm und männlichem Selbstmord im Film beschäftigt. Farockis Art mit bereits existenten filmischen Materialien umzugehen, diese zu zerlegen, neu zu ordnen, zu kommentieren und neue Fokusse herauszustellen, eröffnet den Betrachter*innen neue Sichtweisen auf Filmklassiker, aber auch auf die Welt.

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Harun Farocki: Mit anderen Mitteln – By Other Means, Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein, 2017 © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Auch das „Savvy Contemporary“ im „Silent Green Kulturquartier“ im Wedding zeigt die Einflüsse des indisch-deutschen Filmemachers Farocki auf zeitgenössische Künstler*innen im postkolonialistischen Diskurs und begibt sich getreu dem Alicia Keys-Songs „You don’t know my name“ auf die Suche nach einer Identität im Schatten des Kolonialismus. Somit benennt das Savvy ihre Ausstellung auch nach dem Geburtsnamen Farockis (und nicht der allgemein bekannten eingedeutschten Variante) „El Usman Faroqhi here and a Yonder: On Finding Poise in Disorientation“. Farockis Kunst dient hier als Ausgangspunkt und erweitert sich um Künstler*innenpositionen von der mittlerweile häufig in Berlin zu sehenden Künstlerin Candice Breitz, dem deutschen Künstler Olaf Nicolai, oder der indischen Künstlerin Shilpa Gupta und vielen mehr. Die Stimmen, die das Savvy zeigt sind gewohnt divers und eröffnen ein breites Spektrum der Identitäten und der Suche danach.

Eine durchaus spannende Arbeit ist in der „Schering Stiftung“ zu sehen. Im Projektraum der Institution ist lediglich eine Bewegtbildarbeit installiert. Daria Martins „A Hunger Artist“ ist der gelungene Versuch einer filmischen Adaption der Kafka-Erzählung „Ein Hungerkünstler“. Surreal, mystisch und minispielfilmartig kommt diese Arbeit daher. Martin beschäftigt sich mit der Rolle des Menschen als Subjekt und gleichermaßen Objekt. Der Hang, den Körper als zu verändernde Materie zu optimieren und auszustellen erinnert gekonnt an „Thigh Gap“-Wettbewerbe in den Sozialen Medien, das Zählen von Fastentagen an das Zählen von Likes.

Die ambitionierte Großausstellung der „Julia Stoschek Collection“ mit dem wunderbar resümierenden Titel „Jaguars and Electric Eels“ scheint unsere Tour und die Anliegen der zeitgenössischen Medienkunst wunderbar zusammenzufassen. Das menschliche Leben zwischen Natur und Kultur, zwischen Analogem und Digitalem, Innen und Außen. Neben 3-D-Videoarbeiten, kommen auch Virtual Reality-Brillen zum Einsatz. Natur wird auf der Leinwand gezeigt, Mythen um Naturvölker und erfolgreiche Expeditionen untersucht und in unseren Alltag transferiert. In 39 Arbeiten wird die Suche nach Ursprüngen thematisiert und die Expansion der Wahrnehmungsmittel der Jetztzeit herangezogen. Ein Jaguar ist ein Tier und ein Auto. Ein Zitteraal ist ein Tier, das aber zugleich auch Strom erzeugt.

Unsere Medienkunst-Tour durch Berlin scheint also durch gemeinsame Themen bestimmt zu sein. Wie wird unsere Wahrnehmung durch moderne Technologien verändert? Worin besteht die Grenze zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit? Wie kann Wahrnehmung durch Neuordnung, Neufokussierung verändert werden? Und wo stehen wir in diesem Kuddelmuddel aus Fortschritt, Natur, Technikangst, Selbstoptimierung, Voyeurismus und Zukunft?

Sind diese Arbeiten also tatsächlich Simulacra 2.0., oder Bilder, die mehr und mehr mit der Realität zu verschmelzen scheinen, sodass die Frage, was das eigentliche Trugbild ist, nicht mehr fernliegt?

 

n.b.k
Mit anderen Mitteln – By Other Means
Bis zum 28. Januar 2018 im n.b.k., Chausseestraße 128/129, 10115 Berlin
Eintritt frei

Savvy Contemporary
El Usmann Faroqhi here and a Yonder: On Finding Poise in Disorientation
Bis zum 21.10.2017 im Savvy Contemporary, Plantagenstraße 31, 13347 Berlin
Eintritt frei (Spenden erwünscht)

Schering Stiftung
Daria Martin: A Hunger Artist
Bis zum 10.12.2017 in der Schering Stiftung, Unter den Linden 32-34, 10117 Berlin

Julia Stoschek Collection Berlin
Jaguars and Electric Eels
Bis zum 26.11.2017
Eintritt 5 Euro regulär, 0 Euro ermäßigt

 

Titelbild: Daria Martin, A Hunger Artist, still, HD film, 16 minutes, 2017, © Daria Martin, courtesy Maureen Paley, London

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