„Der Arme mit der schönen Fresse“

Virginie Despentes hat mit „Das Leben des Vernon Subutex“ einen fulminanten, post-dekadenten Gesellschaftsroman geschrieben und scheint auf den Erfolgszug der mehrteiligen Wälzer-Romane aufzuspringen.

Seit Houellebecqs „Unterwerfung“, der Geschichte eines zu schnell alternden Literaturprofessors, der im gewaltsam islamisierten Frankreich dann doch Gefallen an der Unterwerfung unter dieses System, in dem er Frauen unterwerfen kann, Gefallen findet, ist es besiegelt: Der Post-Dekadenzroman ist da. Einher geht er mit der männlichen Krise. Kontrollverlust, Machtverlust, Emanzipation der Frauen, Homoehe, Untergang des klassischen Rollenmodells, Zuwanderung.

Virginie Despentes scheint sich einzureihen in diese Schilderungen des Empfindens einer Krise, des Verfalls. Auch der von ihr geschilderte Verfall findet in der französischen Gesellschaft der Jetztzeit statt. Jener Zeit, in der früher alles besser war. Ihr Protagonist, Vernon Subutex, „Überlebender einer untergegangenen Industrie“, wird zum Ausgangspunkt dieser Wehrufe.

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Virginie Despentes, © JF Paga

Dabei nimmt Vernon seinen Abstieg gelassen hin. Seitdem sein Hauptfinancier, Alex Bleach – einer der wenigen der Truppe, der den Rockstartraum hat wahr werden lassen und auch Geld gemacht hat – stirbt (Überdosis in der Badewanne), sitzt Vernon auf der Straße. Ein paar Monate vorher ist sein legendärer Plattenladen „Revolver“ pleitegegangen. Da war Vernon noch „der nette lächelnde Sunnyboy hinter dem Tresen“. Schnell packt er die wichtigsten Sachen, während die Gerichtsvollzieher in seiner Pariser Wohnung ungeduldig warten. Mit dem Plattenladen rafft es viele der engeren Freunde dahin. Zuerst kam Bertrand, Krebs. Jean-No, Autounfall. Und auch Pedro, der sich sein Herz bis zum Stillstand zukokste.

Vernon beginnt sich durch die Liste seiner Facebookfreund*innen zu Couchsurfen, die er ewig nicht gesehen hat. Und obwohl einige die Tür einfach zuschmeißen sollten, wie Emilie, die es nach zwei Jahren Therapie noch immer nicht schafft diesem Wichser die Meinung zu sagen, lassen sie ihn gewähren. Von diesem Punkt aus wird Vernon eher zum Statist seiner eigenen Geschichte. Als Gast auf dem Sofa, wird er zum Trigger der Geschichten seiner ehemaligen Freund*innen, den es seit den 80ern und 90ern, als Popmusik noch das sinnstiftende Element in deren Leben war, mehr oder weniger gut ergangen ist und weiteren Figuren des Romans.

Xavier war schon immer ein rechter Sack. Er hat sich nicht geändert, aber die Welt hat sich seinen Obsessionen angepasst.

Auf der Suche nach einem neuen Sinn sind viele der Protagonist*innen in Wut erstarrt. Xavier, der vielleicht die Inkarnation dieser Post-Dekadenz ist, hasst Frauen, Migrant*innen, Studierte. Als seine Hündin Colette stirbt, ist da nur noch Leere. Patrice, der jede Frau in seinem Leben nach Strich und Faden vermöbelt. Der identitäre Schlägertrupp. Die Muslima, die sich scheinbar radikalisiert, weil sie die Pornokarriere ihrer verstorbenen Mutter entdeckt. Sie alle kreuzen auf unterschiedliche Art die Wege Vernons, der irgendwann, nachdem er in seinen 50ern lernt was Liebe ist, letztendlich auf der Straße landet.

In diesen Momenten beginnt er sich aus seinen Strukturen zu lösen, dringt in den Strudel der Stadt ein, befreundet sich mit Obdachlosen, entwickelt Mitleid für Identitäre. Selbst in den ärgsten Momenten wirkt Vernon nicht frustriert, eher abgestumpft. Und da auf der Parkbank, mit Blick über Paris, entwickelt der Roman den Höhepunkt seiner Schönheit.

Ich bin der Baum mit den nackten, vom Regen misshandelten Ästen, das Kind, das in seinem Kinderwagen schreit, die Hündin, die an ihrer Leine zerrt, die Gefängniswärterin, die die Gefangenen um ihre Sorglosigkeit beneidet, ich bin eine schwarze Wolke, ein Springbrunnen, der verlassene Bräutigam, der die Fotos seines früheren Lebens vorbeiziehen sieht, ich bin ein Penner auf einer Bank hoch oben auf einem Hügel, in Paris.

„Das Leben des Vernon Subutex“ ist kein Debüt. Virginie Despentes hat vorher schon Romane geschrieben. Einer davon „Baise-moi (Fick mich!)“ wurde von ihr verfilmt und dann außerhalb von Pornokinos verboten. Zu viel Gewalt, zu viel Sex. Sex und Gewalt, das gibt es auch im aktuellen Roman, sie sind aber nicht explizit erzählt. Stattdessen glänzt Despentes‘ Erzählweise mit einer schrulligen Liebe zu jeder einzelnen Figur.

Im Frühjahr 2018 soll der zweite Teil der Trilogie erscheinen. Despentes scheint damit auf den Erfolgszug der mehrteiligen Romane aufzuspringen. Band Eins ist ein großartiger Gesellschaftsroman, voller Pop, voller Liebe, voller Frust. Ein Muss.

 

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex, übersetzt von Claudia Steinitz

Kiepenheuer & Witsch; 400 Seiten; 22 Euro

Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar!

 

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