We love you, Charlie Freeman

„We love you, Charlie Freeman“, Kaitlyn Greenidges hervorragendes Debüt, verarbeitet Rassismus, individuelles und kollektives Trauma, Schuld und Relativierung und lässt damit tief in die gern verdrängten Seiten der US-amerikanischen Geschichte und Gesellschaft blicken. Ein Schimpanse wird zum Trigger der Handlung, was diesen Roman noch viel größer macht. 

Die 9-jährige Protagonistin Callie malt ein Familienportrait – neben Callie, ihre große Schwester Charlotte (14), Mutter Laurel und Vater Charles. Aber Mist, einen wichtigen Protagonisten hat sie vergessen, dieser wird in eine Denkblase über die Familie gesetzt. Der Schimpanse Charlie, mit „curling tail“, wird als neues, fünftes Familienmitglied noch ergänzt. Daneben schreibt Callie: „We love you, Charlie Freeman“. Aber jetzt noch einmal langsam.

Wir befinden uns in den 1990ern. Die schwarze Familie Freeman zieht für ein Forschungsprojekt von Dorchester (Stadtteil von Boston, Massachusetts), einer diversen Nachbarschaft, in einen sehr weißen Teil der Berkshires in Massachussetts. Das „Toneybee Institute for Ape Research“, lokalisiert in der überwiegend weißen Ortschaft Courtland County (ärmere Bevölkerungsschichten und POC leben eher in Spring City), wird zum neuen Zuhause der Freemans. Im Institut sollen sie nun in einer Wohnung mit dem Schimpansen Charlie leben und werden dabei immer wieder von den weißen Forscher*innen des Research-Zentrums „besucht“. Die Freemans haben die Aufgabe Charlie wie ein normales Familienmitglied in ihrer Mitte aufzunehmen und mit ihm in Gebärdensprache zu kommunizieren, denn die weiblichen Mitglieder der Freemans beherrschen, obwohl nicht taub oder stumm, Gebärdensprache. Warum man genau herausfinden muss, ob ein Affe sich artikulieren kann, was er dann genau sagt und wer das eigentlich wissen möchte, ergibt sich im Laufe des Romans. Doch da ist man schon mittendrin in den dunklen Kapiteln der US-amerikanischen Geschichte und jenen der US-amerikanischen Gegenwart.

Kapitelweise werden die verschiedenen Geschichten der Familienmitglieder erzählt. Charlotte hat anfangs Probleme in ihrer fast all-white Schule Fuß zu fassen, trifft dann aber auf Adia, das zweite schwarze Mädchen der Schule. Charlotte verbringt nun viel Zeit bei Adia und ihrer Mutter Marie, eine stolze, revolutionäre Frau, die mit Adia eine Art How-to-be-real-black-Verhaltenskodex repetiert. Als Charlotte und Adia sich näher kommen beteuert Adia, dass Frauen Männer bräuchten und Queerness etwas für weiße Frauen sei.

 „Marie says so. We’ll have to find kings.“ I thought maybe this was another kind of flirtation. Adia looked slyly at me through her lashes. Then she said, „We don’t want to go queer like white girls do.”

Dabei bewegt sich der Roman zwischen Gegenwart und zwei Vergangenheitsebenen. Als Parallelgeschichte versetzt der Roman ins Jahr 1929, wo die schwarze Lehrerin, Ellen Jericho, genannt Nymphadora, in Spring City lebt und zum Opfer der rassistischen anatomischen Studien des weißen Forschers des Toneybee Insitutes, Dr. Gardener, wird.
Als Charlotte Wind von der rassistischen Vergangenheit des Instituts bekommt, hegt sie mit ihrer Freundin Adia den Plan eines Boykotts. Beim Thanksgivingessen, zu dem neben den Forscher*innen sowie Charlottes Onkel und Tante, auch die weiße, betagte Institutsgründerin Toneybee-Leroy geladen wird – ach und natürlich Schimpanse Charlie, implodiert die Situation kammerspielwürdig. Die Familie Freeman zerwirft sich.

Ein absurder Entschuldigungsbrief an „You, African-Americans“ der Gründerin Julia Toneybee-Leroy führt die Leser*innen noch weiter in den Strudel aus Trauma, Schuld, Nichtwahrhabenwollen und Verleugnung bis der Roman für das letzte Kapitel in die Jetztzeit springt, 25 Jahre nach dem horriblen Experiment.

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Kaitlyn Greenidge, Credit: Syreeta McFadden

Der Debütroman „We love you, Charlie Freeman“ der gebürtigen Bostoner Autorin Kaitlyn Greenidge (34) blickt in die Abgründe der US-amerikanischen Geschichte. Der Roman ist sowohl Wissenschafts- und Gesellschaftsgeschichte, Familiendrama, aber auch Coming-of-Age-Story. Auch Komik ist durchaus zu finden.
Greenidge reißt mit dem Roman Wunden der US-Geschichte auf, verarbeitet Themen wie gesellschaftliche und individuelle Traumata, Rassismus, Leugnung, Relativierung und die Suche nach einer Sprache in der Sprachlosigkeit.
Damit lässt Greenidge die Leser*innen aber nicht vollkommen allein. Im Anschluss an den Roman offeriert das Buch ein Interview und mögliche Diskussionsfragen.
„We love you, Charlie Freeman“ ist ein kluger und äußerst geschickt konstruierter Text. Die Sprünge in den Zeitebenen erlauben der*dem Leser*in in beinahe gleicher Geschwindigkeit wie Protagonistin Charlotte hinter das grausige Geheimnis des Instituts zu kommen, während sich der endgültige Clash nach und nach im Verhalten der Familienmitglieder anzudeuten scheint. In albtraumhafter Manier, ausgelöst durch die rassistischen Tendenzen, werden sich die Freemans ihrer Blackness bewusst. Ein Bewusstsein, das sie, im Gegensatz zu Adias Mutter Marie, vorher in diesem Maße nicht kannten. Die weißen Forscher*innen des Insituts versäumen aber natürlich nicht, den Freemans ihr Schwarzsein zu erklären.

„We would do this with any family, really. Your family just happens to be black. […] It’s a descriptor of your family who is participating in this experiment. Not an identity.“

Kaitlyn Greenidge hat bereits Stories und Essays für eine Vielzahl rennomierter Medien, wie Lenny Letter, The New York Times oder das Wall Street Journal, verfasst. Mit „We love you, Charlie Freeman“ präsentiert sie uns einen wahnsinnig gelungenen Debütroman, eine Geschichte, die so keine Vorgänger hat und einen gekonnt konstruierten Text, der einen eindringlichen Blick auf amerikanische, post-segregationale Gesellschaft wirft. Absolut empfehlenswert!

Harte Fakten zum Buch:
Kaitlyn Greenidge: We Love You, Charlie Freeman
326 Seiten, Algonquin Books of Chapel Hill
ab 13,99 Euro

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