In the Beginning, there was the word, and the word brought about the end

Brit Bennett liefert mit „The Mothers“ ein großartiges Debüt und läutet eine neue Generation einer black feminist Voice in den USA ein

„You look nothing like your mother / You look everything like your mother. / Film star, beauty. / How to wear your mother’s lipstick. / You go to the bathroom to apply the lipstick. / Somewhere no one can find you. / You must wear it like she wears disappointment on her face. / Your mother is a woman. / And women like her can not be contained.“
Mit diesen Worten sampelt Beyoncé ein Gedicht der britischen Lyrikerin Warsan Shire auf ihrem Visual Album Lemonade und schließt damit an die von italienischen Feministinnen, wie Luisa Muraro, propagierte feministische Praxis des Affidamento an, die die Wichtigkeit der Beziehung zur Mutter für die weibliche Freiheit herausstellt. Die Beziehung zur Mutter bildet dabei die Grundlage für das Affidamento („sich anvertrauen“) und die gegenseitige Unterstützung von Frauen* untereinander.

Die US-amerikanische Autorin Brit Bennett widmet der Mutterfigur und den Beziehungen zu dieser mit ihrem Debüt „The Mothers“ einen ganzen Roman. Die Mütter in Bennetts Black Narrative nehmen allerdings viele Figurationen an. Sie erscheinen als tratschende Kirchenfrauen der Upper Room Chapel in Oceanside, Kalifornien. Sie erscheinen als Erinnerung der Protagonistin an ihre verstorbene Mutter und die Frage nach dem „warum“, die sie bis ins Erwachsenalter heimsuchen wird. Sie erscheinen in der Figur der Aubrey Evans, die tatsächlich Mutter wird und in Nadia Turner, die sich zu Beginn des Romans gegen die Rolle der Mutter entscheidet.
Zwei Enden kreieren hier den Anfang des Romans – das selbstgesetzte Ende des Lebens der Mutter Nadias und ein Schwangerschaftsabbruch.
In einem Interview über ihren Roman, beteuert die gerade einmal 25-jährige Autorin: “When you start a book with an abortion, you’re starting with something that’s ended, which causes certain problems in terms of the plot”. Tatsächlich löst Bennett diese vermeintlichen Probleme grandios auf.

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Brit Bennett in ihrem Apartment in Encino, Kalifornien, Credit: Coley Brown für The New York Times

„The Mothers“ ist die Coming-of-Age-Geschichte dreier Jugendlicher, die alle mit diversen Verlusten zu kämpfen haben. Nadia mit dem Verlust ihrer Mutter, Aubrey mit Missbrauch in ihrer Kindheit und der Vernachlässigung durch ihre Mutter und Luke, der nach einer Verletzung seine Sportlerkarriere an den Nagel hängen muss und sich stattdessen mit Kellnerjobs über Wasser hält. Diese Verluste werden die drei auch nach ihrer Teenagerzeit prägen.
Die 17-jährige Nadia Turner, vorbildliche Schülerin mit der Ambition zu studieren, trauert um ihre Mutter. Elise Turner, so erfahren wir schnell durch den Gossip der tratschenden Kirchenfrauen, der sich immer wieder wie der läuternde Chor im antiken, griechischen Theater dazwischenschaltet, hat sich das Leben genommen.

We have known hard deaths, but the difference was that Elise Turner had chosen one. Not a handfull of pills to stretch sleep, not a running motor in a closed garage, but a pistol to the head. How could she choose to destroy herself so violently?

Nadia kann sich nicht mit der Situation arrangieren nun mit ihrem Vater allein zu sein, der selbst von Trauer zermürbt, nicht wirklich an Nadias Erfolgen und Zielen teilhaben kann. Nadia fängt etwas mit Luke Sheppard an, dem Sohn des Pastors und der First Lady des Kirchentratsches, und wird schwanger. Sie legt schnell fest, dass die beste Lösung sei „unpregnant“ zu werden. Nach diesem Erlebnis lernt Nadia Aubrey kennen und findet in ihr Zuflucht und eine Freundin, mit der sie den gesamten Sommer verbringt, ohne ihr jemals von der Abtreibung zu erzählen. Sie verschwindet dann aber für ihr Studium nach Michigan und kehrt ihrer Heimatstadt den Rücken. Als erwachsene und studierte Twentysomething-Frau kehrt sie Jahre später zurück und auch jetzt, obwohl sich die Lebenssituationen geändert haben, geistern die Verluste der Jugendzeit noch immer in den Köpfen der drei und bestimmen deren Verhalten.
Brit Bennett schildert mit ihrem Roman die Situation der POC in ihrer Heimatstadt Oceanside und der konservativen Black Church der kalifornischen Kleinstadt und damit auch ihr eigenes Erwachsenwerden. Die Mütter nehmen verschiedene Rollen ein, sie sind die abwesenden Bezugspersonen, sie agieren als tratschender und vermeintlich konservativ-moralischer Chor und als Zukunftsvision, die man annimmt oder ablehnt. Der Roman ist nicht explizit black-feministisch, implizit aber schon. Der schwarze, weibliche Körper wird zur als Verhandlungsfläche von sozialer Bestimmung, Hierarchie und Gewalt. Die Kirchenfrauen lamentieren immer wieder über ihre Männer, die jungen Frauen stehen vor der Entscheidung pro oder contra Mutterschaft und auch Themen männlicher Gewalt und Rassismus werden verhandelt, wenn auch nicht aufdringlich.

But we were girls once, which is to say, we have all loved an ain’t-shit man. No Christian way of putting it. There are two types of men in the world: men who are and men who ain’t about shit. As girls, we’ve lived all over.

Bennett erzählt detailreich, aber schnörkellos, ohne zu werten. Die moralische Instanz verschiebt sie dabei gänzlich zu den Mothers der Upper Room Chapel, ohne dadurch die beobachtende Erzählposition aufzugeben.
„The Mothers“ ist ein grandioses Debüt, das die verschiedenen Figurationen der Mutter verhandelt und eine nüchterne Illustration der christlich-konservativen Black Community einer amerikanischen Kleinstadt abgibt, ohne wirklich wertend oder moralisch zu sein. Ein Debüt, das mit zwei Enden beginnt, die gleichzeitig den Anfang spannender Figurenentwicklungen darstellen. Der Roman ist eine wunderschöne und detailreiche Abbildung einer Freundschaft, einer Jugendliebe und der sozialen Erwartungen an Women of Colour. Brit Bennett scheint schon jetzt eine der vielversprechendsten black feminist Voices einer neuen Generation US-amerikanischer Autorinnen zu sein, von der wir noch viel Größeres erwarten können.

Harte Fakten zum Buch:
Brit Bennett, The Mothers, Roman
Riverhead Books, 2016, 288 Seiten, ab 11,99 Euro

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