Wanted: Josef K.

Franz Kafkas Manuskript des unvollendeten Werks „Der Prozess“ wird im Martin-Gropius-Bau zur Reliquie stilisiert. Kann das gelingen?

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ So beginnt einer der drei unvollendeten Romane Franz Kafkas und damit eine ewig währende Faszination der Literaturwelt.
Literaturwissenschaftler*innen sehen das Werk in enger Verknüpfung zu Kafkas Biographie. Am 12. Juli 1914 fand im Hotel Askanischer Hof, in der Stresemannstraße 111, das ebenso legendäre und rätselhafte Gespräch Kafkas mit Felice Bauer, deren Schwester und Freundin statt. Kafka hatte vorher die Verlobung mit Felice Bauer wieder aufgelöst (um sich einige Zeit später erneut mit Bauer zu verloben und diese abermals zu lösen). Kafka empfand diese Aussprache, so wie er später in sein Tagebuch schreibt, wie einen „Gerichtshof im Hotel“. Literaturwissenschaftler*innen sehen dieses Treffen als Grundstein der Idee zum „Prozess“. Und tatsächlich beginnt Kafka kurz danach seine Arbeit daran. Von August 1914 bis Januar 1915 arbeitet Kafka schier durchgängig an seinem Manuskript.

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Franz Kafka 1917, Source: Wikimedia Commons

Der Martin-Gropius-Bau zeigt das komplette Manuskript in der Ausstellung „Franz Kafka. Der ganze Prozess“. Der biographische und geographische Bezug haben die Blättersammlung in den Gropius-Bau gebracht. Denn das jetzige Museum befindet sich in unmittelbarer Nähe zu dem Ort, an dem sich einst das Hotel Askanischer Hof befand.
Monumental und raumfüllend wird das Manuskript in eigens dafür angefertigten Glasvitrinen gezeigt und damit zur Reliquie der Literaturforschung stilisiert. In einer viereckigen Formation laufen Besucher*innen gebeugt um die Vitrinen und versuchen das Manuskript zu lesen. Kafkas Schreibprozess wird durchaus spürbar – scheinbar schnell und in einem Stück geschrieben, ab und zu ein Wort hinzugefügt und wenn verändert, dann gleich ganze Passagen gestrichen und neue eingefügt. Kafkas Schreibstil scheint ohne wenig Feinarbeit auszukommen, sondern einfach geniegleich da zu sein.
Nach Kafkas Tod ging das Manuskript in den Besitz des Herausgebers und Kafkavertrauten Max Brod über, der das Werk gegen den letzten Willen des Schriftstellers 1925 veröffentlichte. Kafkas Manuskript widerspricht jeder Vorstellung der linearen Entstehung eines Werks. Tatsächlich hat Kafka das Anfangs- und Schlusskapitel verfasst und später die Einzelkapitel. Das Manuskript schrieb er in zehn verschiedenen Schreibheften nieder, riss die Seiten aus und unterteilte diese grob in Kapitel, indem er lose Zettel mit Titeln dazwischen fügte.

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Franz Kafka: „Der Prozess“, Seite 2 / Copyright: DLA – Marbach

Die Fassung, die die meisten Kafkaleser*innen also kennen, ist die der Zusammenstellung und Sortierung Max Brods.
Die Präsentation des Manuskripts missglückt leider, indem die Seiten, zum einen, liegend präsentiert werden, was den Besucher*innen die Lektüre des kompletten Manuskripts verwehrt und zweitens, wenig aufregend daher kommt. Stattdessen wird man beinahe erschlagen von dem Klotz aus Vitrinen, die einen von drei Räumen einnehmen. Interaktive und poppige Gestaltungsmöglichkeiten scheinen die Kurator*innen nicht zu kennen. Im Nebenraum findet sich die beachtliche Klaus Wagenbach – Sammlung  von Fotografien die Kafka und seine Familie, seine Verlobten und Freund*innen zeigen. Außerdem ein Modell jener Schreibmaschine, die Kafka benutzte und eine Auswahl an internationalen Ausgaben des „Prozess“. Ein dritter Raum präsentiert die Verfilmung von Orson Wells aus dem Jahr 1962.

Eine von dem Manuskript ausgehende Faszination kann man natürlich nicht abstreiten. Leider weckt die Ausstellung aber nicht unbedingt das Interesse von Menschen, die nicht vorher schon begeisterte Kafkaliebhaber*innen gewesen sind.
Die Lehrer*innen, die ihre desinteressierten Schüler*innen busweise in diese Ausstellung karren werden, sind nicht unbedingt zu beneiden. Aber ein wenig kann ich die gelangweilten Schüler*innen durchaus verstehen, denn interaktiv, spannend und zeitgemäß aufbereitet ist was anderes. Und auch an Begleittexten und Informationsmaterial mangelt es leider.
Allen begeisterten Kafkaleser*innen empfehle ich die Ausstellung wärmstens, alle anderen, die erhoffen ihre Begeisterung durch den Besuch dieser Ausstellung wecken zu können, werden die Ausstellung wohl wenig euphorisch verlassen.

Harte Fakten zur Ausstellung:

Franz Kafka. Der ganze Prozess.
30. Juni – 28. August 2017
Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
Mi – Mo 10 – 19 Uhr

Titelbild: Franz Kafka mit etwa 5 Jahren, Source: Wikimedia Commons

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