„Das ist jetzt Kunst, oder was?“

Kim Kardashians Po und der deutsche Nadelwald: Die Ausstellung Juergen Teller: Enjoy Your Life! im Martin-Gropius-Bau kombiniert intime Szenen, Starportraits und deutsche Alltagsbanalität und erschafft ein treffendes Juergen-Teller-Universum.

Frösche im Berliner Kunstmuseum, da klingelt doch was! Statt die Frösche aber wie Martin Kippenberger zu kreuzigen, platziert Juergen Teller diese lieber auf einem – na ja….Teller. Die gerahmten Fotografien füllen eine Wand des Gropius-Baus. Zum Glück wird uns zu Beginn der Ausstellung in der Videoarbeit „Irene und Schulkinder“ von Kindern aus Tellers Heimartort Bubenreuth, die Kunst Tellers erklärt: „Für manche ist das vielleicht hässlich und für andere ist es aber schön. Juergen Teller fotografiert alles.“
Juergen Teller, 1964 als Jürgen mit „ü“ geboren, scheint tatsächlich alles zu fotografieren. Die Berliner Theaterikone Lars Eidinger nur mit einer transparenten Nylonstrumpfhose bekleidet, Plakatwände, Frösche auf Tellern, nasse Baumstämme im Wald. Spontanaufnahmen und inszenierte (Mode-)Fotografien vermischen sich geschickt zu einem humorvollen und skurrilen Gesamtbild der Arbeiten eines Mannes, der seine „Mum“ liebt und ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater hatte, der fasziniert ist von Absurditäten der Landschaft und spontanen Momentaufnahmen. Diese Skurrilität steigert Teller indem er Motive überlagert, dreifache bis vierfache Bildwelten erschafft. Da ist zum Beispiel die Fotografie eines aufgeblätterten Katalogs mit dem Bild von Kim Kardashian im hautfarbenen Body, doch statt Kardashians Gesicht lacht einen das von Teller fotografierte und auf einen Teller gedruckte Bild einer Katze an. Die Fotografie – auf der Fotografie – in der Fotografie. Katze, Kim Kardashian und ein Teller – eigentlich ein Instagram Hit. Auch collagiert Teller verschiedene Motive in der Nachbearbeitung um beinahe billig wirkende, seltsame Bildwelten zu erschaffen oder ergänzt sie um handschriftliche Notizen.
Bekannt geworden ist der Künstler vor allem durch seine fotografische Serie der Band Nirvana, die er 1991 auf deren Nevermind-Tour begleitete und intime Fotos des schüchternen Frontsängers Kurt Cobain aufnahm. Seitdem ist Teller nicht mehr aus der Mode- und Musikmagazin-Welt wegzudenken. Wer nun aber an Glanz und Glamour denkt, ist bei Tellers Fotografien an der falschen Adresse. Denn er präsentiert seine „Plates“ – Achtung Wortwitz – auch gerne mal als Druck auf einem Teller. Und so tummeln sich im Gropius-Bau Teller mit Teller – überdimensioniert an der Wand, in Vitrinen oder wiederfotografiert auf Papier.

Der gelungenen Präsentation der Kuratorin Susanne Kleine gelingt es Tellers Humor zu bewahren und herauszustellen. Während man noch die Frösche auf Tellern betrachtet (Frogs and Plates, 2016) kann man aus dem nachfolgendem Raum schon die Worte „Frösche? Auf Tellern? So ein Scheiß, hier! […] Das ist jetzt Kunst, oder was?“ vernehmen. Die Stimme gehört Tellers Alter Ego Dieter, der in dem Video Dieter, Erlangen 2017 im deutschem Outfit aus abgetragener Lederjacke, Birkenstocks mit Socken und ausgestattet mit Kauflandbeutel durch die Juergen Teller Ausstellung im Kunstpalais Erlangen schlurft. Für die Ausstellung in seinem Geburtsort hat er lange Rücksprache mit seiner „Mum“ Irene gehalten, die ihm rät doch bitte keine Aktfotografien von sich selbst auszustellen, weil sie keine Lust auf das Gerede habe. Stattdessen reagiert Teller mit seinem Alter Ego Dieter – die Person, als die sich Juergen Teller imaginiert, wäre er in der fränkischen Provinz geblieben – ein schlurfender Vokuhila-Träger, der Juergen Tellers Humor so gar nicht nachvollziehen kann.
Auch im Martin-Gropius-Bau spielen Heimat und Biografisches eine große Rolle. Die Bilder wechseln sich ab mit den Portraits der Reichen und Schönen. Zwischen seiner ländlichen Herkunft und der schillernden Modewelt scheinen in Tellers Sicht allerdings keine Welten zu liegen. Denn nie verklärt oder verschönt er den Blick auf Menschen oder Dinge. In seinen kommerziellen Modefotografien unterwandert Teller stets unsere Sehgewohnheiten – so kriecht Kim Kardashian in der der Serie Kanye, Juergen & Kim, Château d’Ambleville in High Heels und Body einen Erdhügel hoch oder posiert vor einem Traktor. Oder Vivienne Westwood präsentiert als neuestes Kleid ihre nackte Haut und ihr Schamhaar. Dazwischen immer wieder Aufnahmen des Künstlers selbst. In kurzer Sporthose und roter Steppjacke ist Teller in unvorteilhaften Posen portraitiert und zeigt, dass er die Ironie in seinen Bildern auch für sich selbst hat. So skurril und witzig seine Bildwelten auch sein mögen, nicht selten liegt eine verschrobene Ästhetik und Zärtlichkeit in den Bildern. Eine der jüngsten Serien „Charlotte Rampling, a Fox, and a Plate“ zeugen von ganz ungewöhnlicher Schönheit und Vertrauen zwischen Fotograf und Modell.
Enjoy Your Life! ist die gelungene Monoausstellung eines Künstlers, der als Grenzgänger zwischen kommerzieller Modefotografie und spontanen Momentaufnahmen die Sehgewohnheiten der Betrachter*innen immer wieder aufs Neue herausfordert. Die Präsentation im Martin-Gropius-Bau spielt mit diesen Brüchen, der Ironie und Skurrilität und bricht somit ebenfalls mit den Erwartungen an eine klassisch kuratierte Ausstellung. Sehenswert! Sehenswert! Sehenswert!

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Juergen Teller: Charlotte Rampling, a Fox and a Plate No. 15, Latimer Road, Copyright: Juergen Teller, Martin-Gropius-Bau

Harte Fakten zur Ausstellung:
Juergen Teller: Enjoy Your Life!
Zeitraum: 20. April bis 3. Juli 2017
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Straße 7, 10963 Berlin
Öffnungszeiten: MI bis MO 10:00–19:00, DI geschlossen
Eintritt: € 10 / ermäßigt € 6,50

Titelbild:
Juergen Teller: Frogs and Plates No. 13, 2016, Copyright: Juergen Teller, Martin-Gropius-Bau

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