Oh my Plastepenis!

Die Ausstellung Krista Beinstein: BIG PORNO FOTO GRAFIEN im Schwulen Museum*

Der Schock war groß, als die Kunstzeitschrift Artforum 1974 eine Werbung abdruckte, die die Künstlerin Lynda Benglis in machohafter, exaltierter Pose zeigte – nackt. Lediglich eine Sonnenbrille und ein Doppeldildo, der aus ihrer Vagina ragte, bekleideten die US-amerikanische Künstlerin.
Diese Werbung sorgte nicht nur für Verärgerung, weil vermeintliche „Obszönität“ als Kunst verkauft wurde, weil Benglis nackt war, oder weil es da diesen Dildo gab, sie machte sich außerdem noch über Hypermaskulinität lustig und diese Kombination sorgte für Trubel.
Mitten in den US-Culture Wars in den 1990ern veröffentlicht die damals durchaus schon etablierte Künstlerin Cindy Sherman ihre Serie Sex Pictures (1992), in der sie nicht wirklich Sex zeigt, sondern Andeutungen dessen. Mit Hilfe zusammengeschusterter Puppen in sexuell expliziten Posen deckte Sherman Machtverhältnisse in ihrer grausamen Absurdität auf.
Irgendwo dazwischen ist die, 1955 geborene, österreichische Künstlerin Krista Beinstein zu verorten. Seit den 1980er Jahren fotografiert die Künstlerin lesbische Sexualität. Wer jetzt vermeintlich „ästhetischen“ Kuschelsex unter Frauen erwartet, erlebt eine herbe Enttäuschung beim Besuch der Einzelausstellung im Schwulen Museum*. Neben BDSM*-Praktiken erwarten euch Plastepenisse, Lack und Leder und das ein oder andere Tierorgan.
„BIG PORNO FOTO GRAFIEN“. So lautet der Titel der Einzelausstellung der Künstlerin Krista Beinstein. Als „Grande Dame der pornografischen Performance, Enfant-Terrible der Erotik-Fotografie und Vorreiterin des sexpositiven Feminismus“ wird Beinstein im Ausstellungstext beschrieben. Sehr „damenhaft“ ist es eher nicht, was man da zu sehen bekommt. Neben BDSM*-Praktiken, spielt Beinstein auch mit klischierten Codes „schwuler Lederästhetik“, wie der Lederschiebermütze sowie Lederlatzhosen etc. Dildos kommen zum Einsatz, genau wie Tierorgane. Eher Enfant-Terrible, also.

pressefoto1
Krista Beinstein, aus der Serie: Schwule Ladies (1985), in: Obszöne Frauen, Promedia-Verlag Wien 1986. & Schwules Museum

Neben tatsächlichen sexuellen Handlungen, zeigen die Fotos auch Selbstportraits der Künstlerin, Dildo aus der Hose hängend. Die Serie „Lustfleisch“ von 1992 zeigt den nackten Körper einer liegenden Frau. Verschiedenste blutige (hoffentlich) Tierorgane sind auf dem Körper verteilt, darüber beugt sich die Künstlerin selbst und beißt mit „Fleischeslust“ in die Organe. Ein bisschen eklig ist das schon.
Die jüngere Serie „Prothesia“ (2002) erinnert dann schon sehr an Shermans „Sex Pictures“. Das nackte Modell ist ausstaffiert mit verschiedensten medizinischen Prothesen. Neben riesigen Genitalien sind auch dutzende Brüste an dem nackten Frauenkörper angebracht. Codes „weiblicher“ Geschlechtlichkeit und Attraktivität werden übersteigert und damit ad absurdum geführt.
Die Fotografien Beinsteins drehen sich um sexuelle Machtverhältnisse. In jede sexuelle Handlung sind Machtverhältnisse automatisch eingeschrieben. In der Abbildung lesbischer Sexualität werden diese zwar scheinbar aufgelöst, im Darstellen von BDSM*-Praktiken, aber wieder neu konstruiert. Beinstein deckt damit die Konstruktion sexueller Machtverhältnisse ebenso, wie die Konstruktion sozialer Geschlechtlichkeit auf.
Eine wirkliche kuratorische Linie lässt die Ausstellung eher nicht erkennen. In einem großen Raum hängen die Fotografien, seriell geordnet, ringsherum an den Wänden. Es scheint eher so, dass man diese Bilder zeigt, um sie zu zeigen. Das ist auch nicht verwerflich, da es immer noch nötig ist verschiedenste Formen sexuellen Begehrens in öffentlichen Räumen zu zeigen. Im schwulen Museum* ist die Auswahl dieser Arbeit freilich nicht wirklich überraschend. Im Gropiusbau würde ich mir eine solche Arbeit einmal wünschen. Und dann werden die filmischen Arbeiten Beinsteins, pornografische Filme, leider auch noch in einer schwarzen, verhangenen Kinobox gezeigt, à la „Betreten auf eigene Gefahr“, was dem Ganzen dann doch wieder ein Schmuddelimage anheftet. Schade.
Wer sich jetzt vor so viel verbildlichtem Sex fürchtet, der*dem sei gesagt – gerne anschauen. Bis zum 20. November kann man noch in der tollen Ausstellung „Am I Dandy?“ Frisch- bzw. Parfumluft des 19. Jahrhunderts schnuppern, selbst Dandy*zette sein und sich ein differenzierteres Bild des Dandy*zettetums machen.

Harte Fakten zur Ausstellung

Krista Beinstein: BIO PORNO FOTO GRAFIEN
10. November 2016 – 16. Januar 2017
Kuratiert von Birgit Bosold und Claudia Reiche
Schwules Museum*, Lützowstraße 73, 10785 Berlin
Eintritt: 7,50 Euro (normal), 4 Euro (ermäßigt)
Öffnungszeiten: So, Mo, Mi, Fr 14 bis 18 Uhr, Sa 14 bis 19 Uhr,
Langer Donnerstag: 14 bis 20 Uhr geöffnet

Titelbild: Krista Beinstein, aus der Serie: Obskur-Obskur, in: Theater der Ekstase, konkursbuch Verlag 1995. & Schwules Museum*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s