Dunkel und verdreht – so viel Schatten kann es gar nicht geben

„Schatten (Eurydike sagt)“ an der Schaubühne

„Das Größte aber ist, nicht geliebt zu werden und nicht zu lieben. Schatten zu Schatten, ich bin nicht mehr da, ich bin.“
Lieber ein Schatten sein, nicht da sein, das ist die Lösung und finale Aussage des Stückes „Schatten (Eurydike sagt)“ inszeniert von Katie Mitchell an der Schaubühne. Der Hades und damit der Tod als einzige Lösung der Frau aus patriarchalischen Strukturen? Da haben wir aber mittlerweile andere Einfälle, Frau Mitchell. Über einen dunklen Theaterabend und 50er-Jahre-Feminismus.

Ein VW-Käfer aus den 60ern in der Mitte der Bühne, darüber eine bühnenbreite Leinwand, an der Seite eine Tonkabine und jede Menge Kameras. Kein untypisches Bühnenbild für ein Katie-Mitchell-Stück, die gerne mit der Spannung zwischen Theater und Film, Making-of und fertigem Produkt spielt. Die britische Regisseurin Katie Mitchell inszeniert gerne und (meist) gut Texte, die feministische Themen bedienen. 2013 begeisterte sie beispielsweise mit ihrer Fassung der Erzählung „The Yellow Wallpaper“ von Charlotte Perkins Gilman (1891) oder 2010 mit „Fräulein Julie“ frei nach August Strindberg (1888). Gerne saugt sie sich den Feminismus aus Texten, der vielleicht nicht zwangsläufig von vornherein so extrem in diese eingeschrieben ist. Normalerweise macht sie das sehr großartig. Diesmal hat sie es übertrieben und präsentiert dem verwirrten Publikum eine Form des Feminismus, die in den 50ern schon überholt war.
Elfriede Jelineks Textvorlage legt den antiken Stoff um den Sänger Orpheus, der seine tote Frau und Nymphe Eurydike aus dem Hades befreien will, sich dabei nicht umdrehen darf – es aber doch tut und seine Geliebte damit für immer verliert, neu auf. Mitchell bringt den Text auf die Bühne. Eurydike ist hier eine Autorin mit Schreibblockade. Orpheus ist jetzt ein Popstar, umjubelt von kreischenden Teeniegirls und „nie nur einen Tag ungefickt“ – denn Eurydike ist immer da, wenn Orpheus sie braucht. Eine Ehe lang, und vielleicht ein ganzes Leben, steht sie im Schatten ihres Mannes und kann sich aus diesem nicht anders befreien, als einfach im Schatten zu bleiben und Schatten zu werden. Als sie von der Schlange gebissen wird und dann nach einer langen Autofahrt mit dem Käfer des Kennzeichens UW – 8TYX und unzähligen Etagen Liftfahrt nach unten, endlich im Hades ankommt, will sie kurz ausbrechen aus dem engen, dunklen Zimmer, in das sie eingeschlossen wird. Dann findet Eurydike, gespielt von Jule Böwe und gesprochen von Stephanie Eidt, die Unterwelt doch recht schnell gut. Denn eines steht fest, lieber komplett Schatten sein im Tod, als Schatten an der Seite eines Mannes. In der Unterwelt findet sie ihren „Room of One‘s Own“. Den hatte ich mir eigentlich nicht so dunkel vorgestellt.
Jule Böwe spricht nicht, sie schaut grimmig. 75 Minuten lang. Ihre Gedanken spricht Stephanie Eidt, in der am Bühnenrand platzierten Tonkabine, ein. Das Kamerateam eilt von einer Szene zur anderen, um Close-ups der Eurydike aufzunehmen. Und genauso rennt Böwe von Ort zu Ort. Die*der Zuschauer*in des Spektakels wird nahezu gezwungen auf die Leinwand zu starren. Das ist schade, haben die Mitchell-Stücke doch immer sehr von der Verschmelzung zwischen Kino und Theater gelebt. Nun ist Kino daraus geworden.
Auf der Leinwand sieht man die stets dunkle Mimik Jule Böwes und den Orpheus spielenden Renato Schuch, der in seiner Rolle als fleischgewordenes Machoklischee daherkommt. Aus der Tonkabine klingen abgehackt die Gedanken der Eurydike, die sich um chauvinistische Männer ranken und kleinlaute Frauen, um das Kaschieren der Kleinheit durch Kleidung und Lippenstift. Am Ende ist Eurydike dann froh, dass sie in der Unterwelt das „kleine schwarze“ ablegen kann, den BH und den Slip. Und wie sollte es anders sein – dann muss Böwe die letzten Szenen des Stückes eben nackt spielen. Tod und Nacktheit als feministischer Befreiungsschlag?

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Jule Böwe und Stephanie Eidt als Eurydike

Katie Mitchells Inszenierung zeigt einen Feminismus der Lippenstiftverweiger*innen – einen Feminismus, der das Übel in den Kleidern sieht, in der Maskerade durch Make-up. Der einzige Ausweg – der Tod. Es ist ein Männergeschriebener Feminismus, der hier gezeigt wird, wie man ihn von Richard Yates kennt, à la „für mich als Frau läuft es in der Gesellschaft gerade nicht so – okay, dann halt sterben“. Nach diesem Stück verstehe ich alle, die jetzt ein wirklich ätzendes Bild des Feminismus haben und bei Ronja von Rönnes noch viel ätzenderem Artikel „Warum der Feminismus mich anekelt“ zustimmend nicken. Zum Glück ist der Feminismus 2016 viel mehr als das, was da an der Schaubühne präsentiert wird. „Retro – Feminismus“ nennt Mounia Meiborg von der Süddeutschen Zeitung das und Michael Wolf von nachtkritik.de „Rosamunde Pilcher auf dem Horrotrip“. Da kann ich nur zustimmend nicken.

Harte Fakten zum Stück

Schatten (Eurydike sagt)
von Elfriede Jelinek
Regie: Katie Mitchell, Mitarbeit Regie: Lily McLeish, Bildregie: Chloë Thomson, Bühne: Alex Eales, Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen, Videodesign: Ingi Bekk, Mitarbeit Videodesign: Ellie Thompson, Sounddesign: Melanie Wilson, Mike Winship, Licht: Anthony Doran, Dramaturgie: Nils Haarmann, Skript: Alice Birch.
Mit: Jule Böwe, Stephanie Eidt, Renato Schuch, Maik Solbach. Kamera: Nadja Krüger, Christin Wilke, Marcel Kieslich, Boom Operator: Simon Peter.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

Fotos: Gianmarco Bresadola und Schaubühne, 2016

1 Kommentar

  1. Ich fand das 1. Drittel des Stückes noch ganz toll, aber ab dem Tod ging es wirklich nur noch bergab. Ich hatte immer wieder den Gedanken: „Ja, also, wir haben nun verstanden, dir geht es nicht gut, du kannst dich im Leben nicht befreien und musst deswegen sterben.“ Ziemlich platt. Auch dafür, dass nur eine Person zu Worte kam, fehlte mir die Tiefe. Und den letzten Gedanken hatte ich wie du: Na klar, jetzt zieht sie sich auch noch aus und muss nackt weiterschreiben.Weil- ehm- passt jetzt noch.

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