Man nehme Ton, Wasser, Feuer und Luft … Metall, Elektrochips oder politische Reden

Das Jüdische Museum zeigt die Sonderausstellung „Golem“

Die Science Fiction boomt erneut. Androiden, Roboter und Cyborgs sind die ständigen Begleiter*innen des kulturellen Lebens und der Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts. Spätestens seit des 1985 publizierten Essays „A Cyborg Manifesto“ von Donna Haraway spielen die Themen Mensch-Maschine, Kultur-Natur, Mensch-Nichtmensch auch für die Gender Studies eine erhebliche Rolle und erobern sich damit den Weg in verschiedenste Diskurse.
Der Golem, eine Figur der jüdischen Literatur und Mystik durchzieht seit dem frühen Mittelalter Erzählungen, Mythen und künstlerische Darstellungen. „Künstliches“, vom Menschen geschaffenes Leben, stellt seit Jahrhunderten ein Faszinosum dar und findet breiten Niederschlag in den Künsten. Kein kleines Thema also, dem sich die Sonderausstellung des Jüdischen Museums Berlin widmet. Anhand der Golem-Figur untersucht die Ausstellung Fragen rund um was ist echt und was erschaffen, Schöpfung, Macht sowie die Spannung zwischen Hilfe und Bedrohung und bezieht dabei ganz verschiedene Formen des Golems in die Betrachtung ein – vollends gelungen.

Am Eingang zur Ausstellung wird schon klar – nur mit klassischen Darstellungen des Golems scheint sich das Jüdische Museum nicht zu beschäftigen. Begrüßt wird man nämlich, von einem riesigen Lichtgolem. Dass die Arbeit „My light is your life“ einmal als Golem Besucher*innen des Jüdischen Museums begrüßen wird, hat der tschechische Künstler Krištof Kintera bei der Arbeit an seinem Werk noch nicht geahnt. Dennoch – die Assoziation ist gelungen, so wie die riesige, leuchtende Gestalt aus hunderten von Lampen über die Besucher*innen emporragt und durch das Flackern der Lampen, das Aufscheinen der Lichter zu atmen scheint. Aus unbelebter Materie ist belebte geworden. Eigentlich würde man die Arbeit gern stundenlang anschauen, aber es wartet ja noch eine komplette Ausstellung.
Der erste Raum mit dem Titel „Der Golem lebt“ trumpft mit einer wahrlich beindruckenden und zugleich niedlichen Sammlung verschiedenster Golemfiguren auf, die Online oder in verschiedenen Souvenirshops erstanden wurden. Schon jetzt wird deutlich – die Darstellungen und Auslegungen dieser Figur sind enorm vielfältig. So ist auch der ungewöhnliche Gegenstand eines „Make America Great Again“-Caps, das Donald Trump als Wahlwerbegoodie benutzt, in diese Sammlung eingereiht. Der Golem Donald Trump? Erst nach und nach erschließt sich mir diese Brücke. Trump, eine Kunstfigur, die durch politische Reden, Fernsehauftritte und auf das Verlangen der Bevölkerung hin immer mehr erstarkt, sobald aber vollständig erschaffen, eine enorme Bedrohung für seine Schöpfer*innen darstellen wird. So weit, so ungewöhnlich.

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Die Sammlung kleiner Golemfiguren. Im Hintergrund die Vitrine mit dem Cap. Foto: Ausstellungsansicht, Copyright: Jüdisches Museum Belin und Yves Sucksdorff

Die Schwierigkeit ein literarisches und mystisches Motiv zur Ausstellung zu machen, haben die Kurator*innen der Ausstellung clever gelöst. Überall findet man Textprojektionen, die nach und nach zweisprachig auftauchen, wieder verschwinden, dem Text nahezu Leben einhauchen und wieder nehmen. So gelingt es recht abwechslungsreich, die enorme Textvielfalt einzubinden, ohne reihenweise Bücher hinter Vitrinen einzuschließen. Ein paar ausgewählte Exemplare liegen da aber doch. Sie zeigen Golemrezepte des Mittelalters, aber auch ein Rezept auf einem Notizzettel des jüdischen Religionswissenschaftlers und Forscher der jüdischen Mystik, Gershom Scholem. Dieser Zettel sei einer Kuratorin des Museums im Scholem Archiv in Israel zufällig in die Hände gefallen. Das kleinste Exponat der Ausstellung, aber ein Jahrhundertfund und ironischer Bruch, bei dem man hofft, er möge vielen Besucher*innen auffallen, so Cilly Kugelmann, die Programmdirektorin des Museums. Das sei als hätte man eine Notiz von Goethe gefunden, nein von Goethe und Schiller, nein, von Goethe, Schiller und Einstein zusammen, beteuert Kugelmann begeistert.
Neben künstlerischen Positionen der letzten 200 Jahre, spielen auch zeitgenössische Adaptionen eine große Rolle. In thematisch geordneten Räumen werden die Ursprünge des Mythos erläutert, Verwandlungsprozesse und deren künstlerische Adaption betrachtet, die Legende des Rabbi Judah Loew in Prag untersucht, filmische Adaptionen gezeigt, der Golem außer Kontrolle sowie Doppelgänger betrachtet.
Die berühmteste Mythe ist die des Prager Golem, im 16. Jahrhundert von Rabbi Judah Loew erschaffen um das jüdische Ghetto in Prag vor Unheil zu bewahren. Die Kreatur gerät aber außer Kontrolle und setzt das jüdische Ghetto in Brand. Nährboden dieser Legende waren das Aufkeimen alchemistische Experimente, des Okkulten und der Astronomie sowie die Herrschaft des Kaisers Rudolph II, der als Unterstützer der Künste und Wissenschaften galt. Dieser Legende, die als Vorbild vieler Golemgeschichten gilt, widmet das Jüdische Museum zwei Räume. Einer davon die Wunderkammer des Rudolph II. Diese kann durch eine 3D-Brille eindrucksvoll erfahren und erforscht werden. Man entwickelt sofort ein Gefühl für diese Zeit, die Begeisterung für das Magische, für seltsame Objekte, deren Herkunft und Entstehung noch rätselhaft war. Im nächsten Raum, werden zahlreiche künstlerische Produktionen rund um den Prager Golem gezeigt – von Grafiken, Kupferstichen, über Buchillustrationen – das Spektrum ist breit gefächert, die Assoziationen auch, die zwischen negativ und positiv besetzt oszillieren, obwohl in jeder gezeigten Darstellung die gleiche Faszination zu stecken scheint.
Eine Faszination, die auch vor Filmemachern nicht Halt machte. Der Schauspieler und Regisseur Paul Wegener prägte mit seinem Film „Der Golem: Wie er in die Welt kam“ von 1920 das Äußere der Golemfigur, wie kein anderer. Generationen danach stellen sich die Figur des Golems genauso vor und auch in zeitgenössischen Adaptionen finden wir diese Darstellungsweise wieder. Die Ausstellung greift diese Adaptionen auf und untermauert mit Filmplakaten, Filmausschnitten und Zeichnungen den Legendenstatus dieser Erscheinungsform. Aber auch zeitgenössische Filmadaptionen, die wieder mehr von dieser Ästhetik abweichen, aber mit Erscheinungsformen des Golems, der Cyborgs, Roboter, Homunkuli und Androiden spielen, bilden einen Teil der Ausstellung. Sie sind die Hauptrollen der 3-geteilten Bewegtbildinstallation „AE/MAETH“ von Stefan Hurtig und Detlev Weitz, welche basierend auf Filmzitaten aus mehr als 60 Spielfilmen als 8 Minuten-Loop einen eigenen Raum füllt.
Auch die*der Besucher*in wird zum Golem gemacht, ob als analoges Spiegelbild oder digital. Der letzte Abschnitt lässt das Herz der erwachsenen Kinder unter uns aufleuchten. Begeistert kann man sich bei Minecraft im digitalen Jüdischen Museum austoben oder beim „Golem Facing“ durch Gesichtserkennung die Mimik eines Golems steuern. Toll.

In der Ausstellung des Jüdischen Museums erscheint uns der Golem als Legende, Metapher für den Krieg, als politische Bewegung, die zuerst von der Bevölkerung heraufbeschwört wird und dann außer Kontrolle gerät. Der Golem erscheint als gespenstischer Doppelgänger des Menschen, der als Alter Ego tiefsitzende Sehnsüchte erfüllt und auch allgemein als eine Figur, die sich jede Generation und Gesellschaft selbst kreieren kann. Ist das Smartphone nicht der Golem der zeitgenössischen westlichen Gesellschaft und „[…] die, die uns kontrollieren?“, fragt Martina Lüdicke in einem Interview des Deutschlandfunks.
Der Golem lebt! Das vermittelt uns diese großartig gestaltete, informative und multimediale Ausstellung. Sie wirft Fragen rund um die Bedeutung des Menschseins auf und schließt damit an einen hochbrisanten und aktuellen Diskurs, rund um Identität, Kopie und Original sowie biologisch „echt“ und sozial erschaffen, an.
Der Golem lebt und es lebe diese Ausstellung.

Harte Fakten zur Ausstellung:

Dauer: 23. September 2016 – 29. Januar 2017
Jüdisches Museum Berlin, 
Lindenstraße 9 – 14, 10969 Berlin
Montag: 10 – 22 Uhr + Dienstag – Sonntag: 10–20 Uhr
Eintritt: 3 Euro ermäßigt, 8 Euro normal
Hier geht’s zum Trailer

Titelbild: Krištof Kintera – „My light is your Life“, Foto: Yves Sucksdorff und Jüdisches Museum Berlin

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