Propagandada in der Berlinischen Galerie

Zum 100. Dadajubiläum zeigt die Berlinische Galerie die Ausstellung Dada Afrika: Dialog mit dem Fremden. Dieser Dialog bleibt leider eher unbefriedigend.

Dieses Jahr feiern wir den 100. Geburtstag jener Künstler*innenbewegung, die 1916 nicht nur sprachliche Normen zu zerschlagen suchte, sondern auch bestrebt war, die Kunst zu einer Art Antikunst zu revolutionieren und damit den Boom der künstlerischen Moderne und Avantgarde einleitete. Welches Haus, wenn nicht die Berlinische Galerie, mit ihrem grandiosen Dada-Raum in der Dauerausstellung, sollte also auch sonst auf dieses beachtliche Jubiläum reagieren?

Dada-Afrika: Dialog mit dem Fremden – ein Ausstellungstitel, der vor allem zwei Sachen verspricht: Dada und Afrika. Der Anspruch der Berlinischen Galerie, die Zusammenhänge zwischen indigener Kunst der verschiedensten Völker Afrikas und der modernen Avantgardekunst Dada aufzuzeigen, scheint logisch. Nicht selten waren die Einflüsse indigenen und „primitiven“ Kunstschaffens von enormer Bedeutung für die künstlerischen Avantgarden des 20. und 21. Jahrhunderts. Schon Paul Gauguin prägte mit seinen, um 1880 auf Tahiti entstandenen, Südseebildern das Schaffen folgender Künstler*innen, aber auch klischeehafte Vorstellungen von Fremdheit, indigenen Völkern und Weiblichkeit fernab der westlichen Zivilisation. Auch die Surrealist*innen, die Kubist*innen, die Künstler*innen der Art Brut und spätere Kreative bezogen sich immer wieder auf sogenannte „primitive“ Künste sowie auf deren vermeintliche „Ursprünglichkeit“ und Ehrlichkeit, die frei von jeglichem Filter westlicher Moral- und Ästhetikvorstellungen agiere. Die Dadaist*innen waren also weder Pionier*innen noch Einzelgänger*innen der Rezeption von außereuropäischen Kunstformen. Warum also gerade diese Ausstellung? Die Berlinische Galerie versucht Parallelen aufzuzeigen, die nicht unbedingt überraschen. Das Konzept ist recht einfach: rechts Kunstwerk, links antikes Vorbild, oder umgekehrt. Der mittlere Raum und Hauptraum der Ausstellung strotzt also von Artefakten aus aller Welt, die allerdings jede*r, d* schon einmal im ethnologischen Museum gewesen ist, gewiss gesehen hat. Ich bin verwirrt. Eine von der Elfenbeinküste stammende Maske neben eine Collage von Hannah Höch zu hängen, auf der genau diese Maske zu sehen ist, erscheint mir weder originell noch besonders geschickt. Maske neben Maske.

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Ausstellungsansicht

Auch verwirrt der Titel. Aus Afrika findet man tatsächlich einige Artefakte. Von der Elfenbeinküste, aus Südafrika oder dem Kongo, ansonsten aus Neuseeland, aus der Schweiz, Japan, Papua-Neuguinea und von sonst überall. Die indigenen Künste der Welt werden hier also unter „Afrika“ zusammengefasst – das ist so klischiert, dass man es kaum glauben kann und schließt damit an Exotismusvorstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts an, die wir längst hinterfragt haben sollten. Genug gegrübelt – nächster Raum. Dieser zeigt genau das, was ich mich vorher gefragt habe. Warum unbedingt die Verbindung von Dada zu „Primitivismus“ ziehen, wenn dies einfach eine übliche Vorgehensweise der Kunst des 19. und vor allem 20. Jahrhunderts war? Im diesem Raum werden die Vorgänger*innen gezeigt – Karl Schmidt-Rottluff (18840-1976), Alphonso Lisk Carew (1887-1969), Erich Heckel (1883-1970) und andere. Von weiteren außereuropäischen Plastiken, Gewändern und Kostümen ist hier recht wenig zu sehen.
Der letzte Raum. Die bereits genannte Dada-Sammlung der Berlinischen Galerie – nur eine Etage nach unten verpflanzt. Dada ganz klassisch. Abgesehen von einer Höch-Collage findet man hier wenig Rezeption nichtwestlicher Kunst. Ein toller Raum, ohne Frage. Das Afrika neben Dada sucht man allerdings vergeblich.
Kurz zusammengefasst: ein großer Raum, der scheinbar aus dem ethnologischen Museum gemopst wurde, eine Dada-Ahnengalerie, ein klassischer Dada-Raum. Dada Afrika? Die Berlinische Galerie hat einem Thema eine Schau gewidmet, das leider nicht so viel hergab, eine ganze Ausstellung zu konzipieren. Die Parallelziehung ist leider recht willkürlich. So auch der Titel.
Lobend ist allerdings das sehr detailreiche und umfangreiche Begleitheft zu erwähnen. Layout und Deckblatt sind sehr poppig und machen einiges her. Die vielen Texte bieten praktisch zu jedem Artefakt eine Beschreibung und lassen nur wenig Fragen offen. Dennoch haben sich auch hier Fehler à la copy-paste eingeschlichen, wenn die sonst überall deutsch bezeichnete Elfenbeinküste, dann plötzlich als Côte d’Ivoire unübersetzt bleibt und den Eindruck hinterlässt, dass recht lieblos gearbeitet wurde.
Man kommt nicht umhin zu denken, dass passend zum Dada-Jahr eine Ausstellung her musste, es an Themen und neuen Ausstellungsideen allerdings mangelte. Das Thema der Ausstellung wirkt recht willkürlich ausgewählt und bietet nicht genug Stoff, eine Ausstellung konsequent und interessant auszufüllen. Der Hauptraum, also eben der Raum, der indigene Artefakte den Dadawerken von Höch, Arp, Hausmann und Co gegenüberstellt, könnte ein interessanter Teil einer Ausstellung zum Einfluss indigener Artefakte auf die westliche Kunst des 20.Jahrhunderts sein. Aber eben nur ein Teil. Als eigene Ausstellung macht es leider nicht viel her.
Wenigstens kann man, sollte man frustriert sein von so viel Propagandada, noch eine Runde in der Erwin Wurm Ausstellung spielen, die ist nämlich noch bis zum 22.08.2016 zu sehen (noch schnell hin!).

Harte Fakten zur Ausstellung:

Dauer der Ausstellung: bis 07.11.2016
Ort: Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin
Eintritt: 7 Euro ermäßigt / 10 Euro normal
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Museum Rietberg in Zürich.
Link zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=XOoiLlWWzfI

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