Ich mag Diane Arbus nicht

Lucia Berlin – Was ich sonst noch verpasst habe

„Ich mag Diane Arbus nicht. Als ich Kind war, gab es in Texas Freak-Shows, und schon damals hasste ich die Leute, die mit Fingern auf die Missgebildeten zeigten und über sie lachten“ beteuert die Protagonistin der Erzählung Mijito und findet damit wohl die passendste Phrase zur Beschreibung des Erzählbandes der amerikanischen Autorin Lucia Berlin, die in ihren Texten eher den abgründigen Seiten des Lebens Beachtung schenkt, ohne zynisch zu sein, ohne mit dem Finger zu zeigen und mit einer Sprache,die zwischen Zärtlichkeit und Humor changiert.

9783716027424Lucia Berlin selbst, 1936 in Alaska geboren und in El Paso, Texas aufgewachsen, hatte ein bewegtes Leben. Nachdem ihr Vater 1941 in den Krieg eingezogen wurde zog Berlin mit ihrer Mutter und Schwester zu ihrem alkoholkranken Großvater nach El Paso in Texas, welcher sie und ihre Schwester missbrauchte. Ihre Mutter war Alkoholikerin und auch die Autorin sollte später selbst dem Alkohol verfallen. Berlin lebte an verschiedenen Orten, zeitweise in Mexiko, heiratete drei Mal, trennte sich noch viel öfter und zog schlussendlich vier Kinder alleine groß. Da ihr literarischer Erfolg bis zu ihrem Tod ausblieb, schlug sie sich lange Zeit als Hilfslehrerin in New Mexico, als Krankenschwester, Putzkraft, Telefonistin und Arzthelferin in Oakland und Berkeley durch. Ihr großer Durchbruch ließ lange auf sich warten. Erst 2016, 12 Jahre nach ihrem Tod, erscheinen 30 von 80 ihrer Erzählungen neu zusammengestellt und ins Deutsche übersetzt von Antje Rávic Strubel unter dem Titel „Was ich sonst noch verpasst habe“.
Die Erzählungen spielen an den Orten des Lebens der Autorin und kreisen um die Themen ihres Lebens. Sie handeln von Missbrauch, Armut, Alkoholismus,Sexismus, Rassismus, Drogen, Abtreibungen und Kriminalität. Der Band liefert das Mosaik eines Lebens, das sich mit einem Bein im Abgrund befindet. Bei jeder dieser Erzählungen schwingt Berlins Biografie mit und bildet den Hintergrund für die erzählten Lebensgeschichten, bei denen man sich wünscht, sie mögen fiktiv sein.
Trotz der Schwere der Themen schreibt Berlin mit einer einzigartigen Leichtigkeit, die sogar Alles-Verreißer des Literarischen Quartetts, Maxim Biller, schwer beeindruckte und ihn dazu bewegte, den Band als das beste Buch, das bisher in der Sendung diskutiert wurde, zu bezeichnen. Die Auswahl und Zusammenstellung der grandios übersetzten Stories von Antje Rávic Strubel ist mehr als gelungen. Durch 30 Erzählungen, die trotz ihres Inhaltes, erschreckend wenig bedrückend daherkommen, begleitet man scheinbar die selbe Protagonistin und kommt daher nicht umhin, den Erzählband wie einen vielseitigen und rührenden Roman zu lesen. Ihre Geschichten sind erstaunlich und enden meist überraschend. Sie besitzen die Fähigkeit ganz unverkitscht zu bewegen. So zum Beispiel eine der wohl schönsten und kürzesten Liebesgeschichten, die Berlin auf nur 1 1/2 Seiten erzählt. Sie handelt vom Arbeitsalltag der Protagonistin als Arzthelferin im Krankenhaus, die sich Hals über Kopf in das Röntgenbild der Knochenbrüche eines mexikanischen Jockeys verliebt, der so klein ist, dass die Protagonistin ihn, um ihn zu beruhigen, wie ein Baby in ihren Armen wiegt und über den Gang trägt.
Es sind surreale und teilweise viel zu reale Geschichten, die uns Berlin erzählt und uns sofort packt mit ihrem liebevollen und detailreichen Blick, ihrer klaren und doch nie harten oder wertenden Sprache. Sie präsentiert uns die Außenseiter*innen, die Freaks, wie sie wohl selbst eine war, ohne auch nur einmal moralistisch mit dem Finger zu zeigen. Eine Bereicherung der Literaturwelt.

Harte Fakten zum Buch

Autorin: Lucia Berlin
Titel: Was ich sonst noch verpasst habe. Stories
Jahr: 2016
Übersetzung: Antje Rávic Strubel
Verlag: Arche Literatur Verlag
Preis: 22,99 Euro

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